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Istanbul am Tag danach : Wie Erdogan seine Anhänger aufputscht

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Aus den Lautsprechern der kleinen Moschee neben dem Taksim-Platz ertönen immer wieder die mahnenden Worte. Das Volk müsse auf die Straßen, ruft der Imam mit heiserer Stimme, um seinen Willen zu demonstrieren und um gegen den „Terrorismus“ zusammenhalten.

Angst vor Übergriffen von Erdogan-Anhängern

Dass die Putschisten der letzten Nacht nur wenig gemeinsam haben mit denen, die sonst gemeint sind, wenn von „Terroristen“ die Rede ist, stört hier niemanden. Neben den inzwischen pausenlos ertönenden „Allahu Akbar“-Rufen hört man die Demonstranten vereinzelt auch Slogans gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK und ihren Chef Öcalan skandieren.

Im nahe gelegenen Cihangir-Viertel, das von Künstlern, Kreativen und Intellektuellen bevölkert ist, bekannt für seine Bars, Boutiquen und Clubs, ist es derweil für einen Samstagabend ungewöhnlich ruhig. Die Menschen, die hier leben und ausgehen, sind zum allergrößten Teil genausoweit entfernt davon, einen Militärputsch gutzuheißen, wie Erdogans Anhängerschaft, doch von Jubelstimmung ist hier keine Spur.

Ein Leibwächter überwacht auf einem Gebäudedach in Istanbul die Menschenmenge, die einer Rede Präsident Ergans wenige Stunden nach dem gescheiterten Staatsstreich folgt.

Die 24 Jahre alte Künstlerin Bezen Aksu, die unter diesem Namen in den sozialen Medien aktiv ist, aber eigentlich anders heißt, hat die Sorge, die Bewohner ihrer Viertel und anderer säkularer Wohngegenden in Istanbul umtreibt, in einem Twitter-Account gebündelt. In ihrem Cihangir-Netzwerk tauschen Menschen, die sich vor der fortschreitenden Islamisierung der Gesellschaft fürchten, ihre Erfahrungen aus.

Am Sonntagvormittag berichtet Aksu, dass im Ausgehviertel von Cihangir wohl noch nie so wenig los war, wie in der vergangenen Samstagnacht. „Meine Nachbarn und Freunde bleiben gerade lieber zu Hause“, erzählt sie.

Verhaltene Freude bei Erdogan-Kritikern über Scheitern des Putschs

Die islamischen Radikalen machten besonders jungen, säkularen Frauen wie ihr Angst. Seit Samstag häuften sich die Berichte von Betroffenen, die erzählten, sie seien auf dem Taksim Platz und anderswo von Männern beschimpft  worden, weil sie kurze Röcke und tiefe Dekolletés trugen. „Diese Leute gab es natürlich auch schon vorher, aber seit der Nacht des Putschversuches stachelt Erdogan sie an, auf die Plätze zu gehen, und deshalb strömen sie nun auf den Taksim-Platz und wollen ihn am liebsten gleich ummodeln“, sagt sie.

Auf Twitter hat sie Fotos geteilt, die betende Menschen vor dem Atatürk-Denkmal zeigen, dazu schreibt sie, „In unserem Viertel gibt es viele bequeme, saubere Moscheen zum Beten. Der Taksim Platz ist für die Straßenbahn und die Passanten.“ Die junge Frau sagt, sie sei sich unter diesen Umständen nicht so sicher, ob ein Militärputsch wirklich die allerschlechteste Idee gewesen wäre, „Vielleicht bin ich zu naiv und zu jung, um das Ausmaß zu begreifen, ich habe ja den Putsch von 1980 und die schlimmen Zeiten danach nicht mitbekommen. Aber wenn ich mich zwischen Scharia und Militärdikatur entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich letztere wählen.“

Mit dieser Ansicht gehört Aksu zu einer verschwindend geringen Minderheit. Die meisten Erdogan-Kritiker sind heilfroh, dass der Putsch gescheitert ist, das bekräftigt auch der für seine regierungskritischen Ansichten bekannte Politikwissenschaftler Koray Caliskan. Doch die Freude ist verhalten.

In der Nacht auf Sonntag zeigt sich wieder einmal, dass die Sorgen in Teilen der Bevölkerung  ihre Berechtigung haben. Einige der auf dem Taksim-Platz demonstrierenden AKP-Getreuen versuchten zu später Stunde in das kurdisch-alevitische Gazi-Viertel einzudringen, das für seine linke, regierungskritische Haltung bekannt ist.

Es kam zu Unruhen, die von der Polizei mit Einsatz von Wasserwerfern schnell unter Kontrolle gebracht wurden. Und aus Ankara machten Berichte über Übergriffe in syrischen Vierteln die Runde. Dass es für den Frieden im Lande nicht die beste Idee ist, die ohnehin aufgeheizte Stimmung im Volke weiter anzustacheln, das ist in der Nacht auf Sonntag deutlich geworden.

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