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Islam und Demokratie : Wie die Türkei mit der Religion ringt

Ein Blick auf die Neue Moschee in Istanbul Bild: Reuters

Offiziell ist die Türkei laizistisch, faktisch hat sie jedoch den sunnitischen Islam zur Staatsreligion gemacht. Eine islamische Republik ist sie aber noch nicht – auch wenn das Präsident Erdogan gerne hätte.

          6 Min.

          Zwei Ereignisse sind Ende April in der Türkei aus dem Rahmen gefallen. Die Protagonisten waren Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und einer seiner Vertrauten, Parlamentspräsident Ismail Kahraman. Seit mehr als einem Jahrzehnt verspricht Erdogan das Kommen einer „neuen Türkei“ („Yeni Türkiye“). Die zwei Ereignisse könnten ein Fingerzeig darauf sein, was Erdogan vorschwebt: eine zweite Republik, die sich von der des Staatsgründers Atatürk abhebt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Nicht ohne Hintergedanken hat Erdogan den 29. April zu einem Gedenktag ausgerufen. Am 29. April 1916 hatten osmanische Soldaten nach monatelanger Belagerung die Kaserne der irakischen Stadt Kut eingenommen, 8000 britische Soldaten ergaben sich. Besonders stellte Erdogan die Leistung des Kommandanten Nurettin Pascha heraus. Der aber rebellierte nach dem Krieg gegen Atatürks Revolution, er fiel in Ungnade und starb 1932 als Feind der laizistischen Republik. In derselben Rede bedauerte Erdogan, dass es keine „Medresen“ mehr gebe, keine religiösen Schulen; sie waren bei der Gründung der Republik zugunsten der weltlichen Schulen abgeschafft worden. Sonst, so insinuierte Erdogan, wäre die Schlacht von Kut nicht in Vergessenheit geraten.

          Nationalismus und Laizismus waren die Stützpfeiler der Verfassung

          Erdogan zielte indirekt auf den laizistischen Charakter der Türkei, Kahraman tat es direkt. Der forderte, das Prinzip des Laizismus aus der Verfassung zu streichen und eine „religiöse Verfassung“ einzuführen. Die Frage war zurückgekehrt, ob es eine islamistische Türkei geben könne. Kahramans Vorstoß löste einhellig empörte Reaktionen aus, auch aus Erdogans AKP, so dass die Aussichten für ein solches Vorhaben gegen null gehen.

          Atatürk hatte seine Revolution ein Jahr vor seinem Tod abgeschlossen, als er 1937 die sechs Prinzipien dieser Revolution in die Verfassung aufnehmen ließ: Die wichtigsten waren der türkische Nationalismus und der Laizismus. Die Demokratie gehörte nicht zu den Prinzipien, und so wurde die Republik Atatürks ein autoritärer Staat, in der es bis 1946 nur eine Partei gab.

          In der ersten Verfassung von 1924 hatte es noch geheißen: „Die Religion des türkischen Staates ist der Islam.“ Der Passus wurde 1928 gestrichen; seither enthält die Verfassung auch keinen Gottesbezug. Aus Italien war bereits das Strafrecht übernommen worden, aus der Schweiz das Zivilrecht. Nun ging es darum, das Verhältnis von Staat und Religion zu regeln. Dazu wählten die Träger des Staates von Mustafa Kemal Atatürk, die Kemalisten, nicht den Säkularismus, der Staat und Religion trennt, sondern den Laizismus Frankreichs aus der Zeit vor 1905, der die Religion aus dem öffentlichen Leben verbannen will. In der Türkei kam eine Besonderheit hinzu: Im türkischen Laizismus kontrolliert der Staat die Religion, die Religion hat umgekehrt auf den Staat aber keinen Einfluss.

          Nur Sunniten können Glauben frei ausleben

          Vorrangiges Ziel der Kemalisten war nicht, eine säkulare Gesellschaft zu schaffen. Ein Ziel war die Entmachtung des islamischen Klerus und die Loslösung der Türkei vom Erbe der islamischen Zivilisation. Ein zweites Ziel war die Schaffung einer türkischen Nation, die nach dem Zerfall des Vielvölkerstaats Osmanisches Reich erst entstehen musste. Die Gründer der Republik entdeckten den sunnitischen Islam als den Kitt, der diese nationale Identität erzeugen sollte. In den vierziger Jahren erklang der Gebetsruf, der Ezzan, auf Türkisch, und eine Religionsbehörde, das Diyanet, wurde aufgebaut. Zu den Widersprüchen der Türkei gehört, dass die Republik offiziell laizistisch ist, sie den sunnitischen Islam jedoch faktisch zur Staatsreligion gemacht hat.

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