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Erdogans Amtssitz : Ein neues Haus für den Sultan

Bombastische Architektur: Der neue Palast steht für den Machtanspruch des Präsidenten Bild: dpa

Präsident Erdogan hat sich einen Palast der Superlative geleistet. Am Nationalfeiertag sollte er eingeweiht werden, doch ein Minenunglück kam ihm in letzter Minute dazwischen.

          Es sollte ein neuer großer Tag im Leben des großen Herrschers Recep Tayyip Erdogan werden. Einen Palast hatte er sich bauen lassen, in den das Weiße Haus sechsmal passen würde und der Amtssitz des französischen Präsidenten gar 27 Mal. Überhaupt soll es der modernste Regierungssitz der Welt sein.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Wieder einmal holten aber die Bergarbeiter den längst abgehobenen Erdogan auf den Boden der türkischen Wirklichkeit zurück. Im Mai hatte ein Minenunglück in Soma 301 Bergarbeitern das Leben geraubt, und als Erdogan jegliches Gespür für das Leiden der Menschen hatte vermissen lassen, wurde er in Soma gnadenlos ausgebuht. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Und so sagte Erdogan den großen Empfang zur Eröffnung seines Palastes am Mittwoch kurzerhand ab und flog in die Provinz Karaman, wo 18 Bergarbeiter vermisst werden.

          Dabei hatte Erdogan den Einweihungstermin mit Bedacht gewählt. Am 29. Oktober 1923 hatte Kemal Pasa, der spätere Atatürk, die Republik Türkei ausgerufen. Das Osmanische Reich war da schon Jahre untergegangen. Ein Jahrhundert später misst sich der überlebensgroß gewordene Erdogan nur noch an Atatürk. Der hatte sich seinen Amtssitz vom österreichischen Architekten Clemens Baumeister in einen Weinberg hineinbauen lassen. Die zweistöckige Villa wurde immer wieder erweitert und diente seinen ersten zehn Nachfolgern als würdiger Amtssitz. Für Tayyip Erdogan ist sie nicht mehr standesgemäß. Er ließ sich einen Palast bauen, dessen Größe im Guiness-Buch der Rekorde einen Palastkomplex des Sultans von Brunei vom ersten Platz verdrängt. Erdogan fühlt sich nicht mehr bei Atatürks Bescheidenheit wohl, sondern sucht die Gesellschaft von Sultanen.

          Der Weiße Palast für Erdogan

          Es waren wieder die Bergarbeiter, die seine Träume störten. Denn am Dienstag ereignete sich in der Türkei abermals ein Minenunglück, und Erdogan bewies für einmal Fingerspitzengefühl und flog nach Karaman. Der Möchte-Gern-Sultan war wieder unter seinen Bürgern.

          Umstritten ist noch, ob der neue Palast wirklich den Spitzenplatz der Rekorde übernehmen darf. Eigentlich werden Paläste von Monarchen bewohnt. Erdogan wäre gerne einer. Er hatte dem Architekten den Auftrag erteilt, einen Palast im Stil der Seldschuken zu bauen, also jener Dynastie, die 1071 mit dem Sieg bei Mantzikert im Osten Anatoliens die Eroberung der heutigen Türkei durch türkische Stämme eingeleitet hat.

          Erdogan hat, unbehelligt von Geschichtskenntnissen, von der „Seldschukenhauptstadt Ankara“ gesprochen. Das aber war Konya. Dabei stammt Erdogan aus einfachsten Verhältnissen, sein Vater war im Istanbuler Stadtteil Kasimpasa ein einfacher Arbeiter. Heute steht der Name Erdogan aber für Luxus und Macht. „Ak Saray“ heißt sein Amtssitz, „Weißer Palast“ – nicht benannt nach dem Amtssitz des amerikanischen Präsidenten, obwohl sich die unterirdische Kommandozentrale im Palast an dem Vorbild in Washington orientiert, sondern nach Erdogans früherer Partei, der „AK Parti“, die „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“, was abgekürzt auch als „Weiße Partei“ gelesen werden kann.

          Von einfachen Verhältnissen zum Sultanspalast

          Dass Erdogan bei dem Bau, der 340 Millionen Euro gekostet hat, gegen die Bauordnung der Türkei verstoßen hat, ficht ihn nicht an. Der Palast wurde in ein Naturschutzgebiet hineingebaut, das auf Atatürk zurückgeht. Ein Verwaltungsgericht in Ankara hatte einen Baustopp angeordnet. Verächtlich soll Erdogan gesagt haben, dann solle das Gericht das Gebäude doch einreißen, „wenn es das kann“. Und so wird Tayyip der Große einen Tag später als geplant in seinen Palast einziehen – mit einem abhörsicheren Bunker, Schutz vor Cyber-Angriffen und vor Chemiewaffen. Und mit Tausend Zimmern, die er aber nicht alle nutzen wolle.

          Der Empfang also wurde abgesagt, viele hatten ohnehin angekündigt, nicht kommen zu wollen. Der Vorsitzende der nationalistischen Oppositionspartei MHP, Devlet Bahceli, sagte, lieber wolle er das Grabmal Atatürks besuchen. Und die wenigen kritischen Medien waren erst gar nicht eingeladen. Am Tag der Republik ist die Türkei also nicht zu einem „Sultanat Erdogan“ geworden. Dabei residiert er nun überall wie ein Sultan: In Ankara wie ein Seldschuke und in Istanbul, wo er seinen Dienstsitz im Dolmabahce-Palast hat, wie ein Osmane.

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