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Spannungen in der Türkei : Erdogan und sein Mafiapate

Parallelstrukturen im Sicherheitsapparat

Nicht nur den Putschisten gefriert bei solchen Drohungen das Blut in den Adern. Auf seiner Internetseite schreibt Peker: „Als Volk wollen wir die Todesstrafe zurück.“ In der Nacht, als Erdogan den Ausnahmezustand über das Land verhängte, feierten die Anhänger Pekers auf dem Istanbuler Taksim-Platz. Sie umringten das Atatürk-Denkmal und brachten eine Grußbotschaft an ihren „Führer“ an. Auf den Transparenten war groß sein Name zu lesen, darüber die Losung des Kämpfers für ein groß-türkisches Reich: „Das Ziel ist Turan, der Führer der Koran.“ Turan ist ein historisches Gebiet nordöstlich Irans, die Turan-Bewegung strebt ein großtürkisches Reich an. Pekers Anhänger feierten auch in Ankara auf dem Kizilay-Platz, wo über der Flagge der türkischen Nationalisten mit den drei Halbmonden auf rotem Grund das Bild Erdogans schwebte.

Vielen Türken ist bei dieser Mischung aus Nationalismus, Islam und Mafia mulmig zumute. Die Politik in Ankara tut aber nichts, um zu besänftigen. Offenbar folgt es dem „Willen des Volkes“, wenn es die Todesstrafe wiedereinzuführen verspricht. Und Seref Malkoc, einer der wichtigsten Berater Erdogans, hat eine Gesetzesinitiative angekündigt, um den legalen Erwerb von Waffen zu erleichtern. Dem Staatssender TRT sagte er, der Innenminister werde das Nötige veranlassen. Schließlich müsse sich das Volk künftig gegen mögliche Putsche verteidigen können.

Wäre das nur eine Einzelstimme, müsste man ihr keine Beachtung schenken. Während Erdogan davon spricht, die Armee nach dem gescheiterten Putschversuch umzubauen, werden immer mehr Einzelheiten über parallele Strukturen im Sicherheitsapparat der Türkei bekannt. So hat im Parlament der Abgeordnete Ali Riza Öztürk von der oppositionellen CHP eine parlamentarische Anfrage zur Zusammenarbeit des Staats mit der Sicherheitsfirma „Sadat“ gestellt, zu deren Rolle in Syrien und zu der möglichen Zusammenarbeit mit islamistischen Extremisten. Die Firma Sadat wurde 2012 durch den zwangspensionierten General Adnan Tanriverdi gegründet und gilt als „islamistisches Blackwater“, also als die islamistische Version des umstrittenen amerikanischen Sicherheits- und Militärunternehmens Blackwater.

Tanriverdi war vor zwei Jahrzehnten wegen seiner Religiosität unehrenhaft aus der Armee entlassen worden. Mit anderen ebenfalls entlassenen Soldaten gründete er in Istanbul „Sadat“, das auf seiner Internetseite Ausbildungen für alle Arten asymmetrischer Kriegsführung anbietet. Der Whistleblower Fuat Avni, der in den vergangenen Jahren wiederholt als Erster auf Entwicklungen aufmerksam gemacht hat, schrieb im Frühjahr, Sadat baue eine Parallel-Armee auf, die Massaker an den Kurden verüben solle. Am 25. Juni hätte sich fast eines dieser Massaker ereignet, als in der kurdischen Kleinstadt Lice „bärtige Männer“, die auf den Armen arabische Tätowierungen trugen und als Einheit „Sadat“ angaben, 34 Dorfbewohner verbrennen wollten, sagt die kurdische Politikerin Sebahat Tuncel.

Ein Offizier der regulären Armee habe das verhindert. Bereits an den Kämpfen zwischen türkischen Sicherheitskräften und kurdischen Aufständischen sollen seit Ende 2015 arabischsprachige Männer beteiligt gewesen sein, sagen die Kurden der Städte, die wie Cizre in solchen Kämpfen zerstört worden sind.

Dass solche Einzelheiten jetzt bekanntwerden und dass sich der Pate Sedat Peker dem Präsidenten Erdogan als Helfer anbietet, trägt nicht dazu bei, die aufgewühlte Stimmung in der Türkei zu besänftigen. Im Gegenteil wächst die Furcht, dass die Spannungen in Gewalt umschlagen.

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