https://www.faz.net/-hox-8k69r

Russisch-türkische Beziehungen : Erdogans historische Russland-Reise

Im November in Belek waren sich Putin und Erdogan noch nah. An diese Zeit wollen sie nun anschließen. Bild: dpa

Am Dienstag treffen sich Putin und Erdogan in St. Petersburg. Von einer neuen „strategischen Partnerschaft“ ist die Rede. Ein Etikettenschwindel?

          Wichtiger geht es nicht: Seit Tagen berichten die unter Kontrolle der regierenden „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) stehenden türkischen Medien – also fast alle -, über das an diesem Dienstag anstehende Treffen zwischen Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin in hochtrabendem Ton. Die unvermeidliche Floskel von der „strategischen Partnerschaft“ ist fast noch das rhetorische Kleingeld der staatlich gelenkten Debatte, deren Grundton lautet: Die beiden Präsidenten werden alles in Ordnung bringen und es dem Westen schon zeigen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Auffallend ist, wie oft im Dienste der AKP stehende Leitartikler hervorheben, dass der Westen zögerlich und halbherzig auf den Putschversuch vom 15. Juli reagiert, Russland ihn dagegen umgehend und entschlossen verurteilt habe. Während man in Washington und Berlin erst einmal abgewartet habe, wer sich durchsetze, habe Moskau sich sofort auf die Seite der gewählten Regierung gestellt, wird behauptet. „Wir danken den russischen Behörden, insbesondere dem Präsidenten Putin. Wir habe von Russland bedingungslose Unterstützung erhalten, anders als von anderen Ländern“, sagt ganz in diesem Sinne der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu.

          Der Vorfall vom vergangenen November, als die Türkei einen russischen Kampfjet abschoss, der bei einem Einsatz gegen die syrische Opposition kurz in den türkischen Luftraum eingedrungen war, scheint vergessen. Das gilt ebenso für die schweren Vorwürfe, die Moskau den Machthabern in Ankara wenige Tage nach dem Abschuss machte. Putin hatte damals gesagt, die Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) betrieben Ölgeschäfte mit der Türkei.

          Das russische Verteidigungsministerium präzisierte, die Türkei sei sogar Hauptabnehmerin des Öls der Terroristen, ja Erdogan und seine Familie selbst seien in die Geschäfte verwickelt. Der stellvertretende Verteidigungsminister Anatolij Antonow sprach von einem „einheitlichen Team aus Banditen und türkischer Elite“, das Öl in Syrien und dem Irak stehle und damit den Terrorismus finanziere. Putin hatte behauptet, die Türkei habe den russischen Flieger vermutlich abgeschossen, um Lieferwege zu schützen.

          Russlands neue Sympathie in Ankara

          Schwerwiegendere Vorwürfe lassen sich einem Staat kaum machen, doch wenn nicht alles täuscht, wird Moskau auf einer Untersuchung der Frage, wie Erdogan in Ölgeschäfte mit dem IS verwickelt sei, nun nicht mehr beharren.

          Russland hat in den Wochen seit dem Putschversuch viel Sympathie gewonnen in Ankara, denn Putin zeigte sich deutlich liberaler als die Europäer. Weder drohte er mit einer Verschlechterung der Beziehungen, sollte Ankara die Todesstrafe wiedereinführen, noch kommen aus Moskau lästige Forderungen nach der Wahrung der Verhältnismäßigkeit bei dem Vorgehen gegen mutmaßliche Putschisten. Umso praktischer war es da, als die türkischen Behörden kurz nach dem Putsch entdeckten, dass einer der Piloten, die im November das russische Flugzeug abschossen, Verbindung zur Bewegung des in den Vereinigten Staaten lebenden muslimischen Predigers Fethullah Gülen haben soll.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.
          Verkehrsminister Andreas Scheuer

          Maut-Debakel : Neue Vorwürfe gegen Scheuer

          Die Pkw-Maut kommt nicht - jetzt werden die Verträge aufgearbeitet. Hat Verkehrsminister Scheuer getrickst, damit die Mauterhebung billiger aussieht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.