https://www.faz.net/-hox-7pfxy

Erdogan und das Unglück von Soma : Wer andere eine Grube graben lässt

Bild: Polaris/laif

Ist der Mann noch bei Trost? Erdogan belehrt nach dem Bergwerksunglück von Soma seine Landsleute. In einer Demokratie hätte er über seinen Rücktritt nachdenken müssen. Darauf werden die Türken vergeblich warten.

          2 Min.

          In der Türkei haben mehr als 300 Menschen ihr Leben verloren, nachdem 313 andere Menschen sich entschlossen, etwas nicht zu tun. Die Toten waren Bergarbeiter, die für wenige hundert Euro im Monat in den Gruben bei Soma in der westtürkischen Provinz schufteten. Die Lebenden sind Abgeordnete der türkischen Regierungspartei AKP, die am 29. April einen von allen Oppositionsparteien unterstützten Antrag niederstimmten, die Zustände in den schon vor der Tragödie berüchtigten Gruben von Soma zu untersuchen.

          Wird es jetzt Rücktritte geben, werden Regierungspolitiker die politische Verantwortung für das zumindest in seinen Ausmaßen vermeidbare Unglück übernehmen? Stehen gar Neuwahlen an? Wahrscheinlich ist das nicht. Es ist in der Türkei nicht üblich, dass Regierende zurücktreten, weil sie die politische Verantwortung für den Tod von Menschen tragen. Eigentlich müsste nun minutiös untersucht werden, warum die türkische Regierung in den vergangenen Monaten „zum Schutz der Bürger“ zwar den Zugang zu Twitter und Youtube blockierte, nicht aber den zu den hochgefährlichen Minen von Soma. Schon 2010 veröffentlichte die türkische Ingenieurs- und Architektenkammer eine detaillierte Studie über die haarsträubenden Sicherheitsmängel in türkischen Bergwerken.

          In einer funktionierenden Demokratie würde jetzt die übliche journalistisch-oppositionelle Fragemaschine anlaufen: Wer hatte wann Kenntnis von diesen und ähnlichen Berichten, wer hätte sie kennen können oder müssen? Mit welchen Begründungen wurde der Oppositionsantrag zur Inspektion der Stollen abgelehnt? Danach würde es Rücktritte bis hinauf zu den zuständigen Ministern geben. Doch darauf werden die Türken wohl vergeblich warten. Vielleicht wird in Ankara ein parlamentarischer Ausschuss eingerichtet werden, aber Untersuchungskomitees dienen selbst in demokratischeren Staaten als der Türkei oft nur dazu, Tatbestände zu verschleiern. Irgendein Abteilungsleiter, Inspektor oder lokaler Bergwerksdirektor wird am Ende zwar womöglich vor Gericht stehen. Aber wenn der Druck der Straße nicht sehr groß wird, dürfte der türkische Ministerpräsident ansonsten weitermachen wie bisher. Wer andere eine Grube graben lässt, fällt nämlich selbst dann nicht hinein, wenn das tödlich endet – jedenfalls nicht in der Türkei.

          Was 302 tote Südkoreaner von 301 toten Türken unterscheidet

          Immerhin war Erdogan mutig genug, an den Unglücksort zu reisen – oder war das nur ein weiterer Beleg für seinen wachsenden Wirklichkeitsverlust? Erdogan schien verstört angesichts der in Wut umgemünzten Trauer, die ihm in Soma entgegenschlug. Sollte er wirklich erwartet haben, dort bejubelt zu werden wie bei seinen Wahlkampfauftritten? Statt still Trauer und Mitgefühl auszudrücken, belehrte Erdogan seine Landsleute in einem bizarren Auftritt über die Geschichte der Bergwerksunglücke – die gehörten nun einmal zum Bergbau. In England seien 1862, 1866 und 1894 mehr als 200, 360 beziehungsweise 290 Bergarbeiter bei Unglücken ums Leben gekommen, in Frankreich 1906 sogar über 1.000, und in Japan 1914 fast 700. Erdogan zählte weitere Unglücke auf, und mit jedem Satz musste man sich fragen, ob dieser Mann noch bei Trost ist.

          Unglücksfälle gibt es auch in anderen Staaten, da hat Erdogan recht. Aber in Demokratien haben sie meist Folgen. Der lettische Ministerpräsident Valdis Dombrovskis trat im vergangenen Jahr zurück, nachdem beim Einsturz eines Einkaufszentrums in Riga mehrere Dutzend Menschen ums Leben gekommen waren. Der südkoreanische Regierungschef Chung Hong-won gab sein Amt im April nach einem Fährunglück auf, bei dem 302 Menschen umkamen. In Soma wurden bisher 301 Tote geborgen. Ein Zufall, gewiss, zumal die endgültige Zahl der Opfer des Grubenunglücks noch nicht feststeht. Aber er zeigt, dass zwischen 302 toten Südkoreanern und mehr als 300 toten Türken ein großer Unterschied liegen kann. Politisch gesprochen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Brexit-Reaktionen in Brüssel : Demonstrative Gelassenheit

          Das nächste Brexit-Chaos in London? In Brüssel gibt EU-Ratspräsident Donald Tusk einen gelassenen Ton vor. Bis zur Entscheidung über das Verlängerungsschreiben werden wohl noch einige Tage vergehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.