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Pläne des Präsidenten : Erdogan formt die Zweite Republik Türkei

Zugute kommt Erdogan, dass die Armee, die sich zuvor Interventionen in Syrien widersetzt hatte, mit dem Putschversuch Autorität verloren hat und gefügig wurde. Zum Handeln entschied sich Erdogan, der den „Islamischen Staat“ lange geduldet hatte und nicht angreifen wollte, aber erst, als die Terrorgruppe begann, Gebiet zu verlieren, und die syrischen Kurden in das Vakuum eindrangen.

Früher hat Erdogan die heutigen Grenzen der Türkei nie in Frage gestellt. Heute verweist er auf den „Nationalpakt“ von 1920. Der sah eine Türkei vor, zu der Mossul gehören sollte und die Anspruch auf Aleppo erhob. Abwegig war das damals nicht. Denn das Hinterland der Handelsstadt Aleppo war in der Geschichte Anatolien gewesen und nicht Syrien; Aleppo handelte mit Mossul, nicht mit Damaskus. Erdogan greift das auf und sagt: „Wenn wir den ,Nationalpakt‘ verstehen, verstehen wir Mossul.“ Zu den wichtigsten Aufgaben gehöre, der jungen Generation das nahezubringen.

Verfasst hatte den „Nationalpakt“ Ende 1919 das „Repräsentativkomitee“ (heyet-i temsiliye), das Atatürk, damals noch Mustafa Kemal, in Ankara als Gegenregierung zur Hohen Pforte in Istanbul bildete. Die Deklaration enthielt acht Punkte und eine Karte der Türkei in Grenzen, wie sie die Unabhängigkeitsbewegung herstellen wollte.

Mossul ging nicht an die Türkei

Anfang 1920 wurde das Dokument an das letzte osmanische Parlament in Istanbul übermittelt. Dieses war im Oktober 1919 gewählt worden; die Nationalisten, die zu Atatürk hielten, stellten die Mehrheit. Auch sie billigten am 28. Januar 1920 in einer ihrer letzten Sitzungen den „Nationalpakt“, strafften ihn indes auf die sechs Punkte, die noch heute kursieren. Mit der Besetzung Istanbuls durch die Alliierten am 16. März 1920 stellte das osmanische Parlament seine Arbeit ein. Zur Friedenskonferenz nach Lausanne wurde Atatürks Stellvertreter Ismet Pascha entsandt, der spätere Inönü. Er sollte den „Nationalpakt“ durchsetzen.

Das gelang ihm, allerdings nicht vollständig. Das von den Briten besetzte Mossul schlug der Völkerbund 1925 – nach dem Fund bedeutender Ölvorkommen – Großbritannien zu; die Inseln in der Ägäis gingen erst an Italien, dann an Griechenland; der Sandschak Alexandrette wurde erst 1939 von Syrien an die Türkei abgetreten. Heute wird Atatürk in türkischen Medien mit der Forderung zitiert, auch Aleppo und der Norden Syriens seien Teil des „Nationalpakts“.

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In den immer stärker werdenden nationalistischen Aufwallungen drucken türkische Zeitungen immer häufiger Karten der Türkei in den Grenzen des „Nationalpakts“ von 1920. Erdogan kann daher sagen: „Wir haben unsere Grenzen nicht freiwillig akzeptiert.“ Und an Griechenland gewandt: „Im Vertrag von Lausanne haben wir Inseln weggegeben, das waren unsere Inseln.“

Erdogan ist nicht der Erste, der unter Verweis auf den „Nationalpakt“ zumindest verbal Anspruch auf Mossul erhebt. Als sich 1990 der damalige Staatspräsident Turgut Özal gegen ein zögerndes Militär durchsetzte und die Türkei sich an der Allianz zur Befreiung Kuweits beteiligte, sagte er, entweder falle Mossul bei dem bevorstehenden Krieg an die Türkei oder beim nächsten. Damals ist Mossul irakisch geblieben. Erdogan denkt vielleicht (noch) nicht daran, sich diese Teile der Türkei territorial einzuverleiben. Sie sollen aber offenbar Ankaras Hinterland werden, in dem allein die Türkei das Sagen hat.

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