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Türken in Deutschland : Wie wir die Deutschtürken in Erdogans Arme getrieben haben

  • -Aktualisiert am

Anhänger des türkischen Präsidenten bei der Pro-Erdogan-Demonstration am 31. Juli in Köln. Bild: AP

Das Image der Türkischstämmigen war nie besonders positiv in Deutschland. Dann kam Erdogan, der sie umgarnt, ihnen schmeichelt – und ihnen den Wunsch nach Anerkennung erfüllt. Wie holen wir die zurück, die wir an Erdogan verloren haben? Ein Gastbeitrag.

          Die Diskussion über die Integration der Deutschtürken macht vieles deutlich. Zum Beispiel, dass der Putschversuch in der Türkei nicht allein von Erdogan instrumentalisiert wird. Aber auch, dass Sätze wie „mit jeder Generation gelingt die Integration besser“ und „Sprache ist der Schlüssel zur Integration“ doch keine Binsenweisheiten sind.

          Mein Vater kam 1963 als Gastarbeiter nach Deutschland. Wie unzählige andere wollte auch er ursprünglich „nur ein paar Jahre“ bleiben. Der Mensch plant, Gott lacht. Aus „ein paar Jahren“ wurde „bis zur Rente“. Heute ist er seit über 20 Jahren Rentner und lebt immer noch in diesem Land. „Deutschland gut“ sagt er oft, nach wie vor in gebrochenem Deutsch. Das Leben der ersten Generation bestand vor allem aus harter Arbeit. Für Deutschkurse gab es keine Zeit. Mein Vater erzählt viel von seinen ersten Jahren. Oft lacht er dabei. Manchmal ist er traurig. Fern weg von Familie und Freunden, in einem fremden Land, das war nicht immer einfach. Und manchmal ist er wütend. Wütend darüber, dass die Generationen nach ihm viele der Möglichkeiten, die seinesgleichen nie hatte, nicht annehmen. Dass sie zum Beispiel lieber in der Teestube sitzen und Karten spielen, anstatt einer Arbeit nachzugehen. Für ihn wäre es eine Schande gewesen, auf Sozialleistungen angewiesen zu sein.

          Mein Vater ist ein typisches Beispiel für die erste Generation, die heute nur mit schlechtem Deutsch auffällt, diesem Land aber dankbar und verbunden ist, hat es ihr doch Chancen und Perspektiven geboten, die sie in ihrer Heimat nie bekommen hätte. Eine Haltung, die man in den Generationen danach in dieser Form nicht mehr findet.

          Meine Generation hat, was die Verbundenheit betrifft, eher gemischte Gefühle. Man akzeptiert Deutschland als Heimat, aber oft als eine, die einen gar nicht so toll findet. Denn im Gegensatz zur ersten Generation ist man in der Lage zu verstehen. Und versteht vor allem eines: Das Image des Türken war nie besonders hoch in diesem Land. Die Türkei ist ein beliebtes Urlaubsziel des Deutschen, auch die Küche mag man. Aber die Türken in Deutschland würde man doch lieber durch Italiener austauschen. Hinzu kommt, dass Deutschtürken nicht nur hier, sondern auch in der Türkei nicht sonderlich beliebt waren.

          Rhetorik ohne Wirklichkeitsanspruch

          Dann kam jemand, der diese Menschen, die von beiden Seiten lange ignoriert wurden, umgarnt, sie als „Brüder und Schwestern“ anspricht und ihnen das Gefühl gibt, was auch immer passiert, er steht hinter ihnen. Jemand, der die große Rhetorik beherrscht, ohne Taten liefern zu müssen. Erfüllt er ihnen doch den Wunsch nach Anerkennung. Dieser jemand heißt: Erdogan.

          Wenn wir uns heute fragen, warum Deutschtürken sich eher von seiner als von unserer Politik angezogen fühlen, dann müssen wir auch eingestehen, dass wir gesellschaftlich und politisch nicht ganz unschuldig daran sind. Mit doppelten Maßstäben zu messen, mag der ersten Generation nicht aufgefallen sein, denen danach entgeht das nicht. Die Debatte über die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein Beispiel. Während die Mehrstaatlichkeit bei vielen anderen großzügig akzeptiert wird – nicht nur bei EU-Bürgern, sondern etwa auch bei russischen Staatsbürgern – wird sie wieder einmal bei den Türken zur Loyalitätsfrage erhoben. Das Böhmermann-Schmähgedicht ist ein anderes. Das Signal war deutlich: Die Unantastbarkeit der Menschenwürde gilt nur für die, die wir mögen.

          Die, die wir an Erdogan verloren haben, für uns gewinnen

          Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich mache meiner Generation und der danach viele Vorwürfe. Viele fühlen sich zu wohl in der Opferrolle. Viele lassen sich lieber zu Statisten einer großen Show machen, statt wahre Herausforderungen anzupacken. Nach wie vor haben wir ein Bildungsproblem in der türkischen Community. Dass es hierzu mal eine Demonstration mit Türkeistämmigen gab, ist mir nicht bekannt. Und trotz aller Erklärungsversuche kann ich nicht verstehen, wie Menschen, die hier geboren und sozialisiert wurden, die Todesstrafe fordern können. Das macht mich nicht nur wütend, es erschüttert mich.

          Ja, wir haben auch viele Erfolgsbeispiele. Über sie sollten wir ebenso oft reden, aber Politik muss vor allem Probleme lösen. Fest steht: Künftig werden wir uns viel stärker mit der Frage beschäftigen müssen, wie wir die, die wir an Erdogan verloren haben, für uns gewinnen können. Denn auch von ihnen werden, wie mein Vater, viele bleiben. Egal, was einige Schreihälse fordern. Es liegt auch an uns, mit klaren Forderungen, aber ebenso einer Sprache, die nicht abschreckt, die nicht mit mehrerlei Maß misst, diese Menschen für Deutschland zu gewinnen. Damit auch sie diesem Land so verbunden sein können, wie die Generation meines Vaters.

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