https://www.faz.net/-hox-7ynur

Menschenschmuggel nach Europa : Ein Geisterschiff wird kommen

Für viele nur eine Station auf dem Weg nach Westen: Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Palästina im Hafen von Mersin Bild: Picture-Alliance

Die türkische Hafenstadt Mersin gilt als Zentrum des Menschenschmuggels in Richtung Westeuropa. Wie funktioniert das Geschäft mit der Hoffnung? Eine Spurensuche.

          Die Sache ist kompliziert, aber wenn Frau Dogangün darüber spricht, hört sich alles ziemlich einfach an: „Klar habe ich Telefonnummern. Aber ich gebe sie nicht raus. Ich möchte nicht, dass diese Leute Schwierigkeiten bekommen. Außerdem verraten die sowieso niemandem, wie ihr Geschäft funktioniert. Aber ich kann es Ihnen verraten.“ Die abgrundtief naive Frage, die dieser Antwort vorausgegangen war, hatte sinngemäß gelautet: „Frau Dogangün, man sagt, Sie wüssten viel darüber, wie der Menschenschmuggel funktioniert. Haben Sie Telefonnummern von Schleusern für uns?“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zugegeben: Das ist eine extrem verkürzte Wiedergabe des Gesprächs, das wir im „Damaskus Hummus“ geführt haben, einem Café in der türkischen Hafenstadt Mersin, das Frau Dogangün gehört. Denn als wir das „Damaskus Hummus“ betraten, sind wir natürlich nicht gleich mit der Tür ins Kaffeehaus gefallen.

          Stattdessen plauderten wir zunächst eine Stunde bei mit Kardamom gewürztem arabischem Kaffee über Gott, die Welt und Hannibals Kriegselefanten, die vor gut 2200 Jahren als illegale Migranten die Alpen überquerten, aber die soziale Kälte in Italien nicht vertrugen und ihr Leben aushauchten. Fatima Adib Dogangün erzählte von ihrer Kindheit in Syrien und davon, wie sie vor 28 Jahren in die Türkei übersiedelte, um einen Türken zu heiraten. Ihr Café gilt als Anlaufstelle für Flüchtlinge aus Syrien, weil Frau Dogangün beide Welten kennt, die syrische und die türkische.

          Die Fahrt nach Europa kostet 6000 Dollar

          Die syrische Welt lässt sich inzwischen auch in Mersin betrachten. Im Gouverneursamt der südtürkischen Provinz heißt es, bisher seien 70.000 Flüchtlinge aus Syrien in der Provinz registriert worden, schätzungsweise 40.000 weitere hielten sich dort ohne amtliche Erfassung auf. Fast alle leben in der Provinzhauptstadt, die etwa 850.000 Einwohner hat. Syrische Bettler sind unübersehbar im Stadtbild, ebenso wie die reichen Syrer in teuren Autos mit arabischen Nummernschildern, die in Appartements mit Meerblick wohnen, weiße Hemden zu schwarzen Sonnenbrillen tragen und so wirken, als sei der Krieg in Syrien für sie nur ein fernes Gerücht.

          Von ihnen wird noch die Rede sein, doch jetzt redet erst einmal Frau Dogangün: „Ich weiß nicht genau, wo die Schiffe ablegen, die die Menschen nach Italien bringen. Aber ich kenne viele, die auf diese Weise nach Europa kamen. Das kostet sechstausend Dollar.“ Es sei nicht schwer, Kontakt mit den Schleusern aufzunehmen, die Leute reichten einander die Telefonnummern weiter.

          Anders als in den Berichten vieler Medien erscheinen die Schleuser in den Erzählungen von Frau Dogangün allerdings nicht als gewissenlose Geschäftemacher, sondern als pragmatische Händler. Auch in der Menschenschmuggelbranche gebe es schließlich Konkurrenz, und unter den Syrern von Mersin spreche sich herum, welche Bande welche Leistungen biete. „Wer seine Kunden ohne viel Leid nach Italien bringt, wird weiterempfohlen.“ Wird das Mittelmeer für die Reisenden hingegen zum Styx, endet eine Überfahrt also tragisch oder gelangen die Passagiere nur unter entsetzlichen Entbehrungen ans Ziel, wird das in Mersin rasch bekannt – weil gar keine Anrufe aus Italien kommen oder nur solche, in denen von Todesängsten und Höllenqualen berichtet wird.

          Wer Frau Dogangün zuhört, könnte meinen, bei den Schleusern handele es sich um ehrbare Kaufleute, die zufällig nicht Pfeffersäcke oder japanische Autos, sondern Menschen nach Europa verschiffen. „Die Leute werden nachts in Kuttern zu den Frachtern gebracht, die weiter draußen ankern. Werden die Kutter vom türkischen Küstenschutz aufgebracht, gibt es das Geld zurück“, behauptet sie.

          Weitere Themen

          Gymnasium verteidigt Kreuzfahrt

          „Beinahe CO2-neutral“ : Gymnasium verteidigt Kreuzfahrt

          Ein „Shitstorm“ brach über das Frankfurter Carl-Schurz-Gymnasium ein, nachdem Medien über eine geplante Kreuzfahrt für Schüler berichteten. Dabei sei die Studienreise beinahe CO2-neutral, sagt der Schuldirektor und erhebt Vorwürfe.

          Topmeldungen

          Fast-Fashion-Tracht : Dirndl für alle

          Eine große Modekette entdeckt das Oktoberfest für sich – mit günstigen Trachten für die Massen. In München kommt das nicht gut an.
          Die meisten Manager finden ihren Job heute schwerer als früher (Symbolbild).

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.