https://www.faz.net/-hox-7ynur

Menschenschmuggel nach Europa : Ein Geisterschiff wird kommen

Dass es viele syrische Firmen gibt in der Stadt, bestätigt die Handelskammer Mersin: Etwa 300 Unternehmen mit syrischen Eigentümern seien als Mitglieder der Kammer registriert. Zu den Branchen, in denen die Syrer tätig seien, gehörten auch Fischfang, Logistik und Kommunikationstechnik. Das macht nicht jedes in Mersin registrierte Fischereiunternehmen mit syrischen Eigentümern zu einer Tarnfirma für den Menschenschmuggel, aber es lässt doch aufhorchen.

Auch Abdullah Özyigit, Chef der Oppositionspartei CHP in Mersin, bestätigt die Aussagen von Herrn Tanriverdi. Dass Mersin ein Umschlagplatz für den Menschenschmuggel ist, sei „eine Realität“, sagt er. „Aber unsere Menschen haben nichts damit zu tun. Dahinter steckt die syrische Mafia. Es gibt Dutzende Luxuswagen in der Stadt ohne Nummernschilder. Das sind diejenigen, die das arrangieren.“

Neue Menschenware für Europa

Dass Menschenrechtler und Oppositionspolitiker derlei behaupten, ist nichts Ungewöhnliches. Erstaunlich ist aber, dass Ismail Taspinar, Chef der Regierungspartei AKP in der Provinz Mersin, einige dieser Behauptungen unumwunden bestätigt. Er empfängt in einem tanzsaalgroßen Büro in der lokalen AKP-Parteizentrale, einem mehrstöckigen Bau am Stadtrand, dessen Außenwände mit meterhohen Porträts des offiziell parteilosen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan geschmückt sind. Taspinar ist kein typischer Parteifunktionär. Er antwortet klar und entschlossen, stets zur Sache.

Zunächst beklagt er, dass die Türkei schon fast zwei Millionen Syrer aufgenommen, dafür aber keinerlei Unterstützung aus dem Ausland erhalten habe. „Wir bestreiten das alles aus unseren Mitteln, und niemand kommt, um uns Hilfe anzubieten.“ Wenn syrische Flüchtlinge „von hier fortzugehen wünschen“, könne es daher sein, „dass der Staat sie übersieht“, sagt der Politiker, fügt aber am Anfang und am Ende dieses Satzes hinzu, dass es sich dabei nur um einen „persönlichen Kommentar“ handele.

Zu der Vermutung, der Geheimdienst müsse von der Bandentätigkeit Kenntnis haben, sagt der Politiker: „Ich finde das auch nachvollziehbar, aber ich habe keinerlei Informationen darüber, was der Geheimdienst diesbezüglich weiß. Wenn aber eine Person sagt, solche Dinge könnten nicht geschehen, ohne dass der Geheimdienst davon wisse, dann ergibt das auch für mich Sinn.“

Nach dem Gespräch mit dem AKP-Funktionär sind wir noch einmal im „Damaskus Hummus“ verabredet. Es ist ein Tag wie ein schlechter Traum oder ein schmutziger Waschlappen, kalt und grau. So kalt werde es sonst nie in Mersin, sagen die Männer, die sich im „Damaskus Hummus“ an einer Tasse Kaffee mit Kardamom die klammen Finger wärmen. Übermorgen solle angeblich wieder ein Schiff nach Europa gehen, sagt einer. Er hat es von jemandem gehört, der es von jemandem gehört hat, der es von jemandem weiß.

Noch ein Geisterschiff, das von seiner Besatzung verlassen werden und auf die Küste Italiens zutreiben wird, um Europa neue Menschenware zu bringen, zu 6000 Dollar das Stück. Nachschub gibt es reichlich in Mersin. Viele hier wollen mit einem Geisterschiff fahren, Hauptsache, nach Italien. Wie Hannibal, nur ohne Elefanten und für immer.

Weitere Themen

Gymnasium verteidigt Kreuzfahrt

„Beinahe CO2-neutral“ : Gymnasium verteidigt Kreuzfahrt

Ein „Shitstorm“ brach über das Frankfurter Carl-Schurz-Gymnasium ein, nachdem Medien über eine geplante Kreuzfahrt für Schüler berichteten. Dabei sei die Studienreise beinahe CO2-neutral, sagt der Schuldirektor und erhebt Vorwürfe.

Topmeldungen

Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
Pendler auf der London Bridge

Mobilität : Wie London die Verkehrsflut meistert

Die größte Stadt Europas baut ihr Bahnnetz aus und nutzt Big-Data-Analysen, um die U-Bahn zu verbessern. Ein anderes Verkehrsmittel soll hingegen aus der City verbannt werden – und das schon diesen Sonntag.
Ashton Applewhite

Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.