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Menschenschmuggel nach Europa : Ein Geisterschiff wird kommen

Ganz so billig sind zwar selbst schrottreife Frachter nicht, aber der in Hamburg und Istanbul tätige Schiffsfinanzierungsexperte Kubilay Falkenberg bestätigt, dass die Rechnung dennoch aufgeht: „Nach den Bildern aus den Nachrichten zu urteilen, verwenden die Menschenschmuggler sogenannte Küstenmotorschiffe. Meist werden solche Schiffe von Kapitalgesellschaften gekauft. Eigner, die nicht in Erscheinung treten wollen, können sich hinter solchen Gesellschaften verstecken.“ Alte Küstenmotorschiffe besäßen nur noch ihren Schrottwert, der in der vergangenen Woche in der Türkei bei 340 Dollar pro Leertonne gelegen habe, erklärt Falkenberg. Einen ausgemusterten Frachter könne man bei solchen Preisen schon ab 350.000 Dollar kaufen. Da lohnt sich die Fahrt nach Italien bereits mit 60 Passagieren.

Was weiß der türkische Staat?

Laut Falkenberg ist es durchaus möglich, Käufer und Verkäufer der Schiffe zu identifizieren. „Der Markt für den An- und Verkauf von Schiffen ist sehr transparent. Angebote werden von den Maklern jeden Tag per E-Mail versandt.“ Es gebe zudem internationale Datenbanken wie das „Clarksons Shipping Intelligence Network“. Außerdem habe jedes Schiff eine IMO-Nummer, unter der alle relevanten Informationen seit dem Stapellauf gespeichert werden. Die „International Maritime Organization“, kurz IMO, vergibt seit den achtziger Jahren für jedes Schiff eine siebenstellige Nummernfolge, ähnlich der Fahrgestellnummer eines Autos. Ein Schiff ist damit unverwechselbar, die Kette seiner Besitzer lässt sich lückenlos zurückverfolgen.

Umso seltsamer ist es, dass die türkischen Behörden angeblich die Hintermänner dieser neuen Art des Menschenschmuggels im Mittelmeer nicht identifizieren können. Ali Tanriverdi, einer der bekanntesten Menschenrechtler der Türkei, ansässig in Mersin, glaubt schon lange nicht mehr, dass der türkische Staat nicht wisse, was sich vor seinen Küsten abspiele.

Die Darstellung der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, dass Mersin ein Zentrum des Menschenschmuggels ist, sei „absolut zutreffend“, sagt Tanriverdi, der stellvertretender Vorsitzender der türkischen Menschenrechtsorganisation IHH ist. „Ich glaube, dass die Regierung, milde ausgedrückt, die Lage vernachlässigt“, fügt er hinzu. „Es gibt da diese Denkweise ,Lasst sie (die Flüchtlinge) machen, was sie wollen, solange sie unsere Hoheitsgewässer verlassen.‘ Also schauen die Behörden weg.“

Allerdings beschuldigt der Menschenrechtler auch die Europäische Union: Europa werde seiner Verantwortung nicht gerecht und überlasse es allein Ankara, mit der Last des Flüchtlingsansturms fertig zu werden. Laut Zählung der IHH halten sich mehr als 1,8 Millionen Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei auf. Der Markt für die lebensgefährlichen Überfahrten entstehe erst, weil die EU ihre Grenzen gegen diese Menschen abschotte. Dennoch glaubt Tanriverdi, dass der türkische Staat härter gegen die Drahtzieher des Menschenschmuggelgeschäfts vorgehen könnte: „Der Staat hat Geheimdienste. Es ist unmöglich, dass diese Dienste die Namen hinter einer solch großen Operation nicht kennen.“

„Dahinter steckt die syrische Mafia„

Um Indizien zu sammeln, sind geheimdienstliche Methoden im Übrigen gar nicht notwendig. Aus zahlreichen Gesprächen mit syrischen Flüchtlingen haben Tanriverdi und seine Mitarbeiter aufschlussreiche Eindrücke über die Mechanismen des Menschenhandels auf See gewonnen: „Es wird berichtet, dass Syrer, die nach Mersin gekommen sind, Tarnfirmen gegründet haben, um diesen Handel zu betreiben.“ Die reichen syrischen Flüchtlinge in Mersin hätten nicht die Absicht, die Stadt zu verlassen. „Aber ihre Vermögen trocknen aus. Also gründen sie Unternehmen in einträglichen Branchen“, sagt Tanriverdi und überlässt die weiteren Schlüsse seinem Zuhörer.

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