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Menschenschmuggel nach Europa : Ein Geisterschiff wird kommen

„Die Banden können auch syrische Pässe organisieren“, sagt sie. Nach Syrien könne man zwar nicht damit, denn die Pässe seien Fälschungen mit erfundenen Seriennummern, was zumindest den Beamten an Grenzübergängen auffalle, die noch vom Assad-Regime gehalten werden. Aber in Europa werde das nicht erkannt, weshalb gefälschte syrische Pässe auch bei Palästinensern oder Iranern beliebt seien. „Für sie ist es jetzt eine gute Gelegenheit, die Lage in Syrien zu nutzen.“ Mit einem Pass aus Syrien werde schließlich niemand wieder fortgeschickt aus Europa.

Flüchtlinge, die es erst nach mehreren Versuchen nach Europa geschafft haben, hätten ihr das berichtet.

Mersin in der Türkei: ein Zentrum des Menschenschmuggels

Said könne das alles noch genauer erzählen, sagt Frau Dogangün, denn Said habe schon einmal kurz davorgestanden, mit einem Schiff nach Europa zu fahren. Said, ein junger Mann aus Syrien, ist seit einigen Monaten in Mersin und bedient im „Damaskus Hummus“ die Kundschaft. Er heißt eigentlich nicht Said, aber da er hofft, als politischer Flüchtling in Schweden anerkannt zu werden, mag er seinen richtigen Namen nicht genannt sehen, nicht einmal den Vornamen und nicht einmal in einer deutschen Zeitung mit unaussprechlichem Namen, von der er noch nie gehört hat.

Saids Bericht ist verwinkelt und unübersichtlich wie eine arabische Altstadtgasse, aber es lohnt sich, ihm zu folgen, denn er kennt das System der Schleuser von innen – aus der Perspektive eines Kunden. „Es ist leicht, an die Telefonnummern der Schleuser zu kommen“, bestätigt er seine Chefin. Er kenne zwei „Büros“ in Mersin, beide mit arabischsprachigem Personal, die Überfahrten anböten. Zunächst müsse dafür eine nicht rückzahlbare „Registrierungsgebühr“ von 500 Dollar gezahlt werden. So wollten die Schleuser sicherstellen, dass sich nur ernsthaft interessierte Flüchtlinge melden. Dann seien bei einem Mittelsmann 6000 Dollar zu hinterlegen, in einer illegalen Wechselstube zum Beispiel.

Die Reise beginnt immer nachts

In der Sprache der seriösen Wirtschaft gesprochen, verwaltet der Mittelsmann eine Art Notaranderkonto, auf das weder Flüchtlinge noch Schleuser Zugriff haben. Als Bestätigung für seine Zahlung erhalte der Flüchtling einen Nummerncode, den er dann später vor der italienischen Küste, wenn die Besatzung des Frachters von einem Boot ihrer Bande abgeholt wird und das Schiff verlässt, an die Schmuggler aushändigen müsse. Dies gelte als Einverständnis des Flüchtlings, dass die Schleuser die vereinbarte Leistung erbracht hätten. Nur gegen Vorlage dieses Codes, den die Schmuggler noch auf See per Satellitentelefon an ihre Komplizen in Mersin durchgäben, gebe der Mittelsmann, der auch bei Verwandten oder Freunden des Passagiers im Wort stehe, das Geld dann gegen Gebühr für die Schleuser frei.

Die Reise, sagt Said, beginne immer nachts an einem abgelegenen Küstenabschnitt, nicht im Hafen von Mersin. In Kuttern gehe es zu einem Frachter. Komme der Küstenschutz dazwischen oder sei der Sturm zu stark, werde einige Tage später ein neuer Versuch gestartet. Saids Chefin ergänzt, die Frachter seien schrottreif, da die Mafia schließlich jedes Schiff nur einmal einsetzen könne. „Die Schiffe kosten höchstens 150.000 Euro. Aber bei mehreren hundert Passagieren, die 6000 Euro zahlen, lohnt sich das.“

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