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Anschlag von Suruc : Die Geister, die Erdogan rief

Ersten Untersuchungen zufolge soll der Anschlag die Tat eines Selbstmordattentäters sein. Bild: AP

Der Anschlag von Suruc wirft Fragen über die Syrienpolitik der Türkei auf, die lange Zeit Islamisten jenseits der Grenze unterstützte. Hinweise auf die Täter deuten auf Dschihadisten aus dem Nachbarland.

          Die Szenen erinnerten an den Mai 2013. Vor gut zwei Jahren ereignete sich im türkischen Ort Reyhanli in der Provinz Hatay der bis dahin schwerste Anschlag auf Zivilisten im Grenzgebiet der Türkei zu Syrien. Bei zwei Sprengstoffexplosionen waren damals mehr als 50 Personen getötet und mehr als 100 weitere verletzt worden. Schon wenige Minuten nach dem Verbrechen kursierten seinerzeit erste Bilder vom Tatort im Internet: Tote und Verwundete, Rauch, Staub, Angst, Schreie.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ähnliche Bilder des Grauens waren auch am Montag im Umlauf, nachdem ein Sprengstoffanschlag in der mehrheitlich von Kurden bewohnten türkischen Grenzstadt Suruc, gelegen in der Provinz Sanliurfa, mehrere Dutzend Menschen in den Tod gerissen hatte. Die Zahl der Opfer wurde im Laufe des Montags immer weiter nach oben korrigiert. Der Gouverneur der Provinz Sanliurfa, Izzettin Kücük, wurde mit der Aussage zitiert, es handele sich um einen „Selbstmordanschlag“, bei dem 28 Personen unmittelbar getötet und etwa 100 Personen verwundet worden seien. Da einige der Überlebenden jedoch schwerste Verletzungen erlitten, war zu befürchten, dass die Zahl der Todesopfer am Ende deutlich höher liegen wird.

          Die ersten Untersuchungen hätten bestätigt, dass die Tat von einem Selbstmordattentäter begangen worden sei, zitierten mehrere türkische Medien den Provinzgouverneur, der jedoch zugleich einschränkte, über die Identität des Täters habe man noch keine genauen Informationen: „Wir werden die Information mit der Öffentlichkeit teilen, wenn sie kommt.“ Woher die Behörden wissen konnten, dass es sich bei dem Anschlag um die Tat eines Selbstmordattentäters handelte (und nicht um eine durch Fernzündung zur Explosion gebrachte Bombe), wurde nicht mitgeteilt.

          Auffällig war, dass die türkische Regierung unmittelbar nach dem Anschlag eine andere Sprache wählte als nach der Tat von Reyhanli, als nicht nur der damalige Außenminister Ahmet Davutoglu rasch mit der Behauptung hervortrat, das Blutbad sei ein Werk des syrischen Assad-Regimes. Recep Tayyip Erdogan, damals Regierungschef, heute Staatspräsident, beschuldigte 2013 ebenfalls die Führung in Damaskus und sagte: „Sie wollen uns in die Katastrophe hineinziehen.“ Das türkische Innenministerium teilte damals mit, die für den Anschlag verantwortliche Gruppe stehe mit dem syrischen Geheimdienst in Verbindung. Das Regime in Damaskus dementierte und behauptete in einem rhetorischen Gegenschlag, die Türkei habe es zugelassen, dass aus der türkisch-syrischen Grenzregion ein Zentrum für den internationalen islamistischen Terrorismus geworden sei, weshalb Ankara die moralische und politische Verantwortung für den Anschlag trage.

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          Zwei Jahre später, am Montag versuchte Erdogan nicht mehr, dem syrischen Diktator Assad die Schuld an dem Verbrechen anzulasten. Erdogan sprach am Montag nur von einer „Greueltat“ und sagte, Terrorismus sei zu verdammen, „woher auch immer er kommt“. Terror kenne weder Religion noch Rasse, Nationalität oder Land, so Erdogan. Es wäre auch allzu unglaubwürdig gewesen, diesmal sofort wieder Damaskus die Täterschaft zuzuschreiben und dabei wie vor zwei Jahren eine Rolle islamistischer Gruppen auszuschließen. Suruc ist die von Kurden bewohnte türkische „Schwesterstadt“ der syrischen Grenzstadt Kobane, die im vergangenen Jahr wochenlang zwischen Kurden und Terroristen des „Islamischen Staates“ umkämpft war. Die Explosion ereignete sich in einem Kulturzentrum, in dem sich Mitglieder einer linksgerichteten Jugendorganisation aus Istanbul, Ankara, der Kurdenhochburg Diyarbakir und anderen Städten der Türkei versammelt hatten, um der Presse über ihr Vorhaben zu berichten, im zerstörten Kobane Aufbauarbeit zu leisten

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