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Türkei : Aufstand der Chancenlosen

Sie organisieren sich in der „Bewegung der patriotischen revolutionären Jugend“, die sich zwar unter dem Dach der PKK sieht, aber autonom handelt. Sie sind die Söhne und Töchter von Eltern, die der türkische Staat in den neunziger Jahren aus den Bergen vertrieben hat, als er dort die Dörfer niederbrannte. Die Vertriebenen landeten in Städten wie Cizre, deren Einwohnerzahl um des Sechsfache auf 250.000 stieg. Dort bilden sie ein neues Prekariat, radikaler, als es alle früheren Generationen kurdischer Rebellen gewesen waren. Sie errichten Straßenkontrollen, bauen Barrikaden, sie ziehen Gräben, um ihre Stadtviertel zu schützen und Razzien der gefürchteten Sonderkommandos, den „Esedullah Timleri“, zu verhindern.

Celal Baslangic, einer der besten türkischen Kenner des Konflikts, sagt: „In den neunziger Jahren hat der Staat die Dörfer entleert, heute entleert er Kleinstädte wie Cizre.“ Damals habe sich die kurdische Bevölkerung von der PKK entfremdet, heute solidarisiere sie sich mit der PKK und den rebellierenden Jugendlichen. Baslangic, der kurdische Städte in Augenschein nahm, nachdem Ausgehverbote aufgehoben worden waren, berichtet von zerstörten Häusern, von gepanzerten Fahrzeugen der Sicherheitskräfte, die provozierend mit lauter türkischer Marschmusik durch die Viertel patrouillieren, von einem riesigen offenen Gefängnis.

Die Gewaltspirale dreht sich schneller

Vom vergangenen Sommer an drehte sich die Spirale der Gewalt immer schneller. Denn Erdogan erkannte nach der Parlamentswahl vom 7. Juni, dass die prokurdische HDP mehr vom Friedensprozess profitiert als seine AKP, und der türkische Staat fürchtete, dass die syrischen Kurden, die mit der PKK zusammenarbeiten, entlang der Grenze zur Türkei einen langen kurdischen Korridor als Nukleus für einen kurdischen Staat schaffen könnten.

Am 24. Juli bombardierten türkische Kampfjets massiv die PKK-Stellungen in den Kandilbergen. Darauf rief die PKK dazu auf, in den Städten und Gemeinden „Selbstverwaltung“ einzuführen – worauf Erdogan drohte, die Verantwortlichen müssten dafür einen hohen Preis bezahlen, rechtlich und „auf andere Art“. So antwortete Ankara mit einer Ausweitung seiner Offensive, mit lang anhaltenden Ausgehverboten, den Verhaftungen von mehr als 3000 politischen Repräsentanten der kurdischen Bewegung – unter ihnen mehr als zwanzig gewählte Bürgermeister – und mit massiven Angriffen durch die Armee, die Sondereinheiten des Innenministeriums und die Polizei. Sie unterstehen nicht den lokalen Vertretern des türkischen Staats wie den Gouverneuren und örtlichen Polizeichefs, sondern erhalten ihre Befehle direkt aus Ankara.

Etwa 15.000 Kurden demonstrieren am zweiten Weihnachtstag in Düsseldorf gegen die Offensive des türkischen Militärs gegen die PKK.
Etwa 15.000 Kurden demonstrieren am zweiten Weihnachtstag in Düsseldorf gegen die Offensive des türkischen Militärs gegen die PKK. : Bild: Picture-Alliance

Europa zeige für diesen Konflikt nur wenig Interesse, beklagt Diba Nigar Göksel, die Leiterin des Büros der Crisis Group in Istanbul. Dabei sollten die Verbündeten der Türkei mit den Risiken dieses Konflikts vertraut werden. Denn er könne rasch eine neue Flüchtlingswelle auslösen. Zudem habe der Verlauf des Konflikts zwischen dem türkischen Staat und den kurdischen Rebellen Folgen für den Krieg gegen den „Islamischen Staat“, da sich der Westen in diesem ja auf den syrischen PKK-Ableger PYD verlässt.

Beide Konfliktparteien vertrauten darauf, dass sich ihre internationale Position gegenüber der Gegenseite verbessert habe, beobachtet Göksel. Die türkischen Kurden profitierten vom Erfolg der syrischen Kurden gegen den IS, und die türkische Regierung halte sich im Krieg gegen den IS, nicht zuletzt wegen der Luftwaffenbasis Incirlik, und bei der Lösung der Flüchtlingskrise für unentbehrlich. Da kommt die EU ins Spiel. Denn erstmals seit Jahren wurden im Dezember in dem ewig dauernden Beitrittsprozess der Türkei neue Kapitel eröffnet. Erstmals seit einem Jahrzehnt hat die EU gegenüber der Türkei wieder einen „Hebel“ in der Hand, könnte die EU in dem Konflikt also vermittelnd eingreifen. Bevor es zu spät ist und auch dieser Konflikt Europa erreicht.

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