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Anschlag in Istanbul : „Drinnen ist überall Blut“

  • -Aktualisiert am

Menschen verlassen den Flughafen Istanbul. Viele wissen nicht, was sie machen sollen. Bild: Reuters

Chaos und Verwirrung herrschen nach den Anschlägen vor dem Istanbuler Flughafen. Informationen gibt es nicht, und die Menschen warten verzweifelt auf Nachrichten von ihren Angehörigen.

          Die junge Frau steht noch völlig unter Schock. Vor wenigen Stunden ist sie zusammen mit ihren zwei Kindern und ihrer Schwägerin, die ebenfalls ihre zwei Kinder dabei hat, am Istanbuler Atatürk-Flughafen gelandet. Sie kommen aus Dänemark, wollten in die türkische Provinzstadt Denizli weiterfliegen. Sie habe gerade Sesamkringel gekauft als sie die erste Explosion hörte. „Ich habe meine Kinder geschnappt und bin losgelaufen,“ erzählt sie. Ihre Schuhe hat sie dabei verloren, steht nun barfuß auf der Straße und weiß nicht wohin.

          Hunderte gestrandete Reisende stehen in dieser Nacht vor dem abgesperrten Flughafengebäude und warten auf Informationen. Für viele von ihnen war der Istanbuler Flughafen nur Umsteigeort, jetzt wissen sie nicht, ob und wann sie weiterfliegen können, wo sie die Nacht verbringen werden, und vor allem, an wen sie sich wenden sollen mit dem Schock über das gerade Erlebte. Reiseleiter aus Moskau und Teheran gleichen die Namen auf ihren Listen mit den Anwesenden ab, viele Menschen versuchen ihre Angehörigen, die Botschaften ihrer Herkunftsländer oder ihre Fluggesellschaften zu erreichen, während Krankenwagen mit kreischenden Sirenen an den Absperrungen vorbeisausen.

          Eine weinende Frau erzählt, sie warte auf ihren Neffen, der an diesem Abend aus London angekommen sei, nun erreiche sie ihn nicht, und wisse nicht, wer ihr weiterhelfen könne. Sie solle sich keine Sorgen machen, sagt ein anderer, er wisse von seinem Cousin, der auch noch drinnen sei, dass viele Passagiere wieder in ihre Flugzeuge zurückgebracht worden seien, wo sie nun ausharren müssten, bis der Flughafen abgesichert sei. Wahrscheinlich habe ihr Neffe einfach gerade keinen Empfang.

          Ungenaue Informationslage

          Ein paar Meter weiter erzählt der Student Yasin Adak, er habe Leichenteile gesehen, als er aus dem Flughafen gelaufen sei. Er ist aus Warschau und wollte über Istanbul nach Kiew weiterfliegen. Zusammen mit zwei Kommilitonen habe er an der Passkontrolle im Transitbereich gestanden, als die Explosionen und die Schüsse losgingen. „Es war ganz in der Nähe, das ganze Gebäude wurde erschüttert, Scheiben sind kaputtgegangen, alles war voller Rauchwolken,“ sagt der Student. Irgendwie seien sie dann nach draußen manövriert worden, nun versuchen sie zu verstehen, was eigentlich passiert ist.

          Am Tag nach dem Anschlag wurden die Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen intensiviert.

          „Drinnen ist überall Blut“, erzählt auch Steffen Assemuth, Ingenieur aus Berlin, der heute Nacht noch weiter nach Taschkent geflogen wäre, wo er beim Aufbau einer Fabrik mitarbeitet. Er habe gerade im Duty-Free-Shop nach Parfüm für seine Frau geschaut, als die Explosionen und die Schüsse losgingen und sich in eine Ecke gestellt, während um ihn herum die Menschen wild durcheinander liefen. „Ich habe so etwas schon mal in Nigeria erlebt“, sagt er.

          Deshalb lasse er sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Er habe noch auf die Anzeigetafel geschaut, um zu prüfen, ob sein Weiterflug auch wirklich abgesagt worden sei, und erst dann sei er zusammen mit den anderen in den Keller gegangen, in den die Sicherheitskräfte die Menschen führten. Jetzt steht er draußen und beobachtet die vielen einfahrenden Busse, die für den Transport von Reisenden eingesetzt werden. Einsteigen will er nicht, die Informationslage ist ihm zu ungenau.

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