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Die Türkei und der IS-Terror : Rückzugsort für Dschihadisten

Eine Mauer für mehr Ruhe: Arbeiter befestigen einen Abschnitt der türkisch-syrischen Grenze in der Provinz Hatay, doch der Grenzverkehr der Dschihadisten geht weiter Bild: Picture-Alliance

Im Grenzgebiet der Türkei zu Syrien gärt es. Die Menschen dort haben Angst, dass der Bürgerkrieg auch zu ihnen kommt. Viele werfen Erdogans Regierung vor, heimlich die islamistischen Terrormilizen zu unterstützen. Was ist dran an den Anschuldigungen? Eine gemeinsame Spurensuche von F.A.Z. und ARD.

          Irgendwann meldet sich der Lehrer zu Wort. Etwas zögerlich am Anfang, als kosteten ihn seine Worte viel Kraft. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, aber er will das jetzt loswerden. „Nachts, so zwischen zehn Uhr am Abend und zwei Uhr am Morgen, kommen sie“, sagt er. Dann schläft sein Heimatdorf, ein abgelegener Weiler unmittelbar an der türkisch-syrischen Grenze. Anfangs seien Lastwagen nach Syrien gerollt – sie trügen amtliche Kennzeichen. „Was die genau geladen hatten, weiß ich nicht“, sagt der Lehrer. Für alle in der Runde ist klar, dass es Waffen sein müssen. „Jetzt sind es Busse – was sollen die schon geladen haben außer Menschen?“, fragt der Lehrer. Für alle in der Runde ist klar, dass das islamistische Kämpfer sein müssen, die auf der anderen Seite der Grenze das Assad-Regime bekriegen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Männer, die hier in einem verschlissenen Büroraum im Herzen der türkischen Grenzstadt Reyhanli sitzen, fühlen sich als einsame Streiter gegen eine Übermacht, eine unheilige Allianz von Dschihadisten und der türkischen Regierung. Der Lehrer, ein Lokaljournalist, ein Oppositionspolitiker, ein Geschäftsmann, alle wollen, dass die Öffentlichkeit erfährt, was im Dunkeln bleiben soll. Immer wieder hätten sie die Behörden informiert und nichts als Schikane geerntet. Alle eint ein Wunsch: „Wir wollen, dass das aufhört“, sagt der Lehrer. „Wer gibt mir und meiner Familie Waffen, damit wir uns schützen können?“, fragt er. Er will nicht, dass sein Name in der Zeitung steht. Er hat nicht nur vor den bärtigen Dschihadisten in den Straßen von Reyhanli und dem umliegenden Bergland Angst, sondern auch vor dem Sicherheitsapparat, der derzeit so aggressiv zu Werke geht wie lange nicht mehr.

          Ein Oppositionspolitiker sollte mundtot gemacht werden

          Die Führung in Ankara reagiert sehr empfindlich auf Vorwürfe, dass sie die radikalen Islamisten als Gäste willkommen heiße und ihnen Waffen liefere, weil sie helfen sollten, den bei Präsident Recep Tayyip Erdogan in Ungnade gefallenen Präsidenten Baschar al Assad zu stürzen. Und wehe dem, der derzeit den Zorn Receps des Reizbaren auf sich zieht. Funktionäre im Apparat von Erdogans Regierungspartei AKP bestreiten solche Vorhaltungen energisch. Die Dinge sind aus den Fugen geraten, die Spannungen im Land so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Erdogan hat viele alte Freunde im Ausland vor den Kopf gestoßen. Seine Regierung und der Sicherheitsapparat schlagen wütend um sich. Die Grenzregionen zu Syrien ächzen unter sozialen Problemen, die durch die Flüchtlinge aus dem Nachbarland verschärft werden. Mehr und mehr brechen sich Furcht und Wut angesichts der bärtigen Syrien-Kämpfer in den türkischen Grenzorten Bahn. Das Land sieht unruhigen Zeiten entgegen.

          Manche Anschuldigung, die man in diesen Tagen von den Menschen im Grenzgebiet zu hören bekommt, klingt unglaublich. Auch die üblichen Verschwörungstheorien machen hier die Runde, etwa, dass der Westen hinter all dem stecke, dem es nur um das Öl in der Region gehe. Sind es Geisterkonvois, von denen die Männer in Reyhanli erzählen? Dass ihre Vorwürfe auf echten Vorgängen beruhen, lässt sich nicht beweisen. Aber ihre Angst, das wird in jedem Gespräch deutlich, ist zweifellos echt.

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