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Abgeschossener Jet : Türkei will sich nicht entschuldigen

  • Aktualisiert am

Ehrenzeremonie für den beim Abschuss umgekommenen Soldaten an diesem Montag auf dem Flughafen von Ankara Bild: Reuters

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat es abgelehnt, Russland um Entschuldigung für den Abschuss eines Jets in der vergangenen Woche zu bitten. Dies sei die „Pflicht“ des Landes gewesen.

          Die Türkei lehnt eine Entschuldigung für den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs ab. „Der Schutz unseres Luftraums und unserer Grenze ist nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht für meine Regierung“, sagte Ministerpräsident Ahmet Davutoglu nach einem Treffen mit dem Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Montag in Brüssel. „Kein türkischer Ministerpräsident, Präsident oder eine andere Autorität wird sich entschuldigen, weil wir unsere Pflicht tun.“ Die Türkei sei aber bereit, mit Russland zu reden, der Führung in Moskau Informationen über den Vorfall zu geben und die Beziehungen zu dem Land zu verbessern.

          Stoltenberg bemühte sich, die Wogen im Streit zwischen dem Nato-Partner und Russland zu glätten. „Uns geht es jetzt vor allem um Deeskalation“, sagte er. Er würde es begrüßen, wenn Russland und die Türkei miteinander redeten. Zugleich verteidigte Stoltenberg das Recht des Nato-Partners Türkei auf die Verteidigung seiner Grenzen und seines Luftraums. Die Militärallianz habe schon vor dem Vorfall mehrfach ihre Sorge über das russische Verhalten geäußert, sagte der Generalsekretär.

          Erdogans wirkungsloses Bedauern

          Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hatte noch am Samstag sein Bedauern über den Abschuss geäußert. „Ich bin über den Zwischenfall wirklich betrübt“, sagte Erdogan in der westtürkischen Provinz Balikesir. „Wir wünschten, es wäre nie passiert, aber es ist passiert. Ich hoffe, dass sich so etwas nicht wiederholt.“

          Die Stellungnahme war bisher die versöhnlichste des türkischen Präsidenten zu dem Vorfall, der den Zorn Moskaus heraufbeschworen hatte. Die türkische Luftwaffe hatte einen russische Jagdbomber des Typs Suchoi Su-24 am Dienstag über syrischem Grenzgebiet abgeschossen; nach türkischen Angaben war der Kampfjet in den türkischen Luftraum eingedrungen und vor dem Abschuss mehrfach gewarnt worden. Moskau sagte hingegen, das Flugzeug sei in Syrien geblieben, und warf Ankara eine „geplante Provokation“ vor.

          Erdogan hatte ein persönliches Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am Rande der UN-Klimakonferenz in Paris vorgeschlagen. „Russland ist so wichtig für die Türkei wie die Türkei für Russland. Beide Länder können es sich nicht leisten, aufeinander zu verzichten.“ Doch am Montag lehnte Russland das Gesprächsangebot ab.

          1500 Tote durch russische Luftschläge

          Unterdessen teilte die Beobachtungsstelle für Menschenrechte in Großbritannien mit, durch die russischen Luftangriffe in Syrien seien seit deren Beginn vor zwei Monaten mehr als 1500 Personen getötet worden. Unter den Toten seien 419 Kämpfer der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), 598 Kämpfer anderer Rebellengruppen und 485 Zivilisten, teilte die Beobachtungsstelle am Montag mit. Die Aktivisten stützen sich auf Informanten in Syrien; ihre Angaben sind von unabhängiger Seite schwer zu überprüfen. Russland greift seit dem 30. September massiv in den syrischen Bürgerkrieg ein. Moskau will damit einerseits die Regierungstruppen von Präsident Assad stützen, andererseits den IS und andere terroristische Organisationen treffen. Die Beobachtungsstelle teilte mit, unter den 598 getöteten Kämpfern anderer Aufständischengruppen befänden sich auch Kämpfer der Al-Nusra-Front, die zum Terrornetz Al Qaida gehört. Unter den 485 getöteten Zivilisten der russischen Luftangriffe sind nach Erkenntnissen der Beobachtungsstelle 117 Kinder und 47 Frauen. Seit dem Beginn des Konflikts im März 2011 sind nach Schätzungen der Beobachtungsstelle mehr als 250.000 Personen getötet worden.

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