https://www.faz.net/-gq5-79ql2

Türkei : Weiter Proteste und Polizeigewalt

  • Aktualisiert am

Tränengaseinsatz gegen Demonstranten in Ankara am gestrigen Mittwoch. Bild: dpa

Die türkische Polizei geht weiterhin hart gegen die Demonstranten in türkischen Städten vor. Bisher sollen laut dem türkischen Ärzteverband drei Menschen bei den Auseinandersetzungen getötet worden seien, über vierzig befänden sich in einem kritischen Zustand.

          Die türkische Polizei geht weiter mit Gewalt gegen Demonstranten vor. Auch am Mittwoch seien rund um den zentralen Kizilay-Platz in der Hauptstadt Ankara Wasserwerfer und Tränengas gegen Protestierer eingesetzt worden, berichteten Aktivisten und türkische Medien. Zuvor hatte die türkische Regierung einen weniger harten Kurs angekündigt. An der Demonstration in Ankara hatten sich bis zum Abend vor allem Gewerkschaften beteiligt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolou wurden neun Menschen festgenommen. In Istanbul etwa demonstrierten Tausende.

          Bisher kamen bei den Zusammenstößen drei Menschen ums Leben. Der Aktivist sei am Mitwoch seinen Verletzungen erlegen, die er in Ankara erlitten hatte, erklärte der türkische Ärzteverband TTB nach Angaben der Zeitung „Hürriyet“. Die Zahl der Verletzten sei inzwischen auf weit über 4000 gestiegen, teilte der Ärzteverband mit. Davon seien 43 in einem kritischen Zustand.

          Festnahmen von Regierungsgegnern

          Die Bundesregierung forderte die türkische Regierung erneut auf, angemessen mit protestierenden Bürgern umzugehen. Meinungs- und Versammlungsfreiheit seien universell akzeptierte Grundrechte, die zu gewähren seien, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. Reaktionen des Staatsapparates müssten immer verhältnismäßig und angemessen sein. Das könne man auch auf weitere Entwicklungen der Türkei anwenden. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes mahnte, eine Modernisierung des Staates könne nicht nur auf wirtschaftlichem Aufschwung basieren, sondern müsse sich auch auf Menschenrechte beziehen.

          Diese Amateuraufnahmen von den Ausschreitungen in Ankara wurden von Regierungskritikern ins Internet gestellt



          Erstmals seit Beginn der Proteste gegen die türkische Regierung ging die Polizei auch mit Festnahmen gegen im Internet aktive Regierungsgegner vor. In der westtürkischen Stadt Izmir seien mindestens 29 Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter in Gewahrsam genommen worden. Ihnen werde Anstachelung zu einem Aufstand, Propaganda und Desinformation vorgeworfen, berichteten türkische Medien am Mittwoch. Vertreter der Demonstranten sagten nach einer Nacht mit neuer Gewalt in mehreren Städten, die Proteste würden fortgesetzt. Auch Gewerkschaften riefen ihre Anhänger auf die Straßen.

          Proteste gegen autoritären Führungsstil

          Eine der führenden Protestinitiativen, die Taksim-Plattform, kündigte nach einem Treffen mit Vizeregierungschef Bülent Arinc in Ankara an, ihren „Kampf“ fortsetzen zu wollen, bis die Regierung auf ihre Forderungen eingehe. Die Aktivisten verlangen unter anderem den Erhalt des Gezi-Parks in Istanbul, der einem Einkaufszentrum weichen soll. Ferner müsse der Einsatz von Pfefferspray und Tränengas verboten werden. Alle für die Gewalt gegen Demonstranten verantwortlichen Funktionäre sollten entlassen werden, hieß es.

          An dem Einsatz im Gezi-Park hatten sich die Proteste entzündet. Inzwischen richten sich die Demonstrationen vor allem gegen den als immer autoritärer empfundenen Kurs von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der Extremisten für die Demonstrationen verantwortlich gemacht hatte.

          Der türkischen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk äußerte seine Unterstützung für die Proteste. „Die Erdogan-Regierung ist unterdrückend und autoritär“, zitierte die Zeitung „Radikal“ den Schriftsteller.

          Hacker der Internet-Gruppe Anonymous legten am Mittwoch die Internetseite des türkischen Ministerpräsidenten lahm. Die Seite war bis zum Nachmittag vom Netz. Türkischen Berichten zufolge sollen sich die Hacker auch Zugang zu E-Mail-Konten verschafft haben.

          Weitere Themen

          Schüsse im niederländischen Utrecht Video-Seite öffnen

          Täter auf der Flucht : Schüsse im niederländischen Utrecht

          Bei einer Schießerei in der niederländischen Stadt Utrecht ist nach Polizeiangaben vermutlich ein Mensch getötet worden. Es wurden mehrere Menschen verletzt. Laut Polizei ist ein extremistischer Hintergrund nicht auszuschließen.

          Polizei fahndet nach 37-Jährigem Video-Seite öffnen

          Anschlag in Utrecht : Polizei fahndet nach 37-Jährigem

          Nach einem möglicherweise terroristischen Angriff hat die niederländische Polizei ein Haus umstellt, in dem sich der Tatverdächtige verschanzt haben soll. Der mutmaßliche Angreifer hatte zuvor in Utrecht um sich geschossen und drei Menschen getötet.

          Topmeldungen

          Aufnahme aus der U-Bahn-Station Westfriedhof in München: Kommt die Zukunft der Mobilität einfach nicht, oder rast sie längst an uns vorbei?

          Verkehrspolitik : Wir brauchen mehr Tempo

          Die Debatte ums Tempolimit übertönt die wirklich wichtigen Fragen der Verkehrspolitik: Wo sind denn die neuen futuristischen Züge, die gestresste Raser und müde Lkw-Fahrer auf die Schiene locken?

          Prozess zu Messerattacke : Wofür Chemnitz steht

          Auch Chemnitz sitzt beim Strafprozess um den gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners gleichsam auf der Anklagebank. Es gibt aber keinen Grund, von vermeintlich größter moralischer Höhe auf die armen Brüder und Schwestern im Osten zu blicken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.