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Türkei und Pegida : Ankaras Angst vor Islamophobie

Ein Pegida-Sympathisant in Berlin Bild: Reuters

Auch in der Türkei ist die Pegida-Bewegung ein großes Thema. Manche stilisieren sie zur „größten sozialen Bewegung Deutschlands“. Die Regierung in Ankara will es jetzt nicht mehr bei verbalen Protesten belassen.

          Die Islamisierung des Abendlandes hat die Türkei erreicht: Ausführlich wird in türkischen Medien über die Pegida-Bewegung und ihre Folgen für Europas Muslime diskutiert. Einige Beiträge sind intellektuell so grobkörnig wie die Weltsicht vieler Pegidianten, und oft wird das bisher vornehmlich sächsische Aufbegehren zu einem Phänomen stilisiert, das bis auf die Kanzlerin ganz Deutschland erfasst habe. Da wird Pegida dann zur „größten sozialen Bewegung Deutschlands“, und Europa zum Hort staatlich geförderter Islamophobie, etwa in der oft bis zur Karikatur regierungshörigen Zeitung „Yeni Safak“, die eine „rassistische Gefahr in Deutschland“ sieht. Es gibt aber auch kluge oder zumindest originelle Überlegungen zum Phänomen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan äußerte sich nicht zu Pegida direkt, sagte am Dienstag aber: „Die rassistischen und diskriminierenden Vorfälle besonders gegen Muslime in Europa können nicht länger versteckt werden“. Vor türkischen Botschaftern in Ankara nannte er es „traurig“, wie die EU versuche, der Türkei eine Lektion zu erteilen, „während sie selbst so vielen ernsten Gefahren und Bedrohungen gegenübersteht.“ Der EU-Minister Volkan Bozkir hatte Pegida und allgemein „rassistische, islamophobe und extremistische Ansichten“ zuvor mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten der EU begründet. Ankara werde es nicht bei verbalen Protesten dagegen belassen, sondern Ausschüsse entsenden, um die Entwicklungen zu beobachten.

          Verda Özer, am „Istanbul Policy Center“ der Sabanci-Universität auf Verteidigungspolitik spezialisiert, sieht Pegida als Bewegung von Bürgern, die von Abstiegsängsten geplagt sind. Anders als viele andere türkische Kommentatoren verbindet die Politikwissenschaftlerin diese Einschätzung aber mit Anmerkungen, die in der AKP dem Tatbestand der Islamophobie zugeordnet werden: Ein anderer Grund für den „Hass“ auf den Islam liege nämlich in der islamischen Welt selbst, so Özer. Selbst wer außer Acht lasse, wie der Terror des „Islamischen Staates“ die Sicht auf den Islam präge, müsse sich nur die jüngsten Ereignisse vor Augen führen: „Die Taliban in Pakistan griffen eine Schule in Peschawar an und töten 132 Kinder. Ein iranischer Dschihadist stürmt ein Café in Sydney und nimmt Kunden als Geiseln. Und in Frankreich kam es zu brutalen Angriffen, bei denen die Täter auf Arabisch ,Gott ist groß‘ riefen. Von den durch Boko Haram gefangen gehaltenen 200 Mädchen nicht zu reden.“ Es sei unvermeidbar, dass solche Vorfälle die Sicht auf den Islam prägen. Hier sei die Türkei gefragt, die als Vertreterin der islamischen und der westlichen Welt in den Vereinten Nationen oder in den Staaten der Organisation für islamische Zusammenarbeit (OIC) den Aufruf des früheren OIC-Generalsekretärs Ekmeleddin Ihsanoglu an Papst Franziskus zu einer „historischen Versöhnung“ zwischen Christentum und Islam neu beleben solle.

          In einem Beitrag für das zum Medienimperium des islamischen Predigers Fethullah Gülen gehörende Blatt „Zaman“ ordnet der Kurdenpolitiker Orhan Miroglu die Pegida-Bewegung derweil einer europäischen Islamfeindlichkeit zu, die mit dem Bosnienkrieg (1992-1995) eingesetzt habe: „Für viele Jahre stand Bosnien mit seinem säkularen und multireligiösen Gefüge als Beispiel für den Rest Europas. Es nährte die Träume von einem pluralistischen Europa“. Die serbische Zerstörung des „bosnischen Beispiels“ sei der Versuch gewesen, den Islam aus dem Balkan „herauszureißen“ – und dieser Versuch habe sich an den Rest Europas übertragen. Seit Bosnien, behauptet Miroglu, werden Muslime „in ganz Europa als Feinde gesehen“. Dass Deutschland damals Hunderttausende Bosnier aufnahm, erwähnt er nicht.

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