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Türkei : Trinkt doch zu Hause!

Was ist so erhaltenswert am Saufunwesen? Nähme sich Berlin in solchen Fragen nur ein Beispiel an Erdogan.

          3 Min.

          Die Türkei hat den Verkauf von Alkoholika eingeschränkt, und prompt krakeelen die kemalistische Opposition und jene Ausländer, die in allem, was der türkische Ministerpräsident Erdogan unternimmt, reflexartig Böses erkennen wollen: Saudi-Arabien! Scharia! Gottesstaat! Glaubte man diesen Kritikern, wird es in der Türkei bald Entalkoholisierungskommissionen geben, vor denen trinkende Türken bestenfalls darauf hoffen können, als bloße Mitsäufer eingestuft zu werden, um noch einmal mit blauem Auge davonzukommen. Die Türkei führe die Prohibition ein, behaupten Erdogans Gegner. „Lüge!“, behauptet der zurück - und hat recht. Der türkische Staatspräsident Gül, der zwar ein eben fünfzehn Jahre alt gewordenes Kind geheiratet hat, aber keinen Tropfen anrührt, stellt korrekt fest, in der Türkei sei nicht etwa Alkohol verboten, sondern nur dessen Verkauf reguliert worden.

          Zwar verbietet das neue Gesetz, das im Parlament übrigens auch mit den Stimmen der nationalistischen Oppositionspartei MHP verabschiedet wurde, den Verkauf von Alkohol in Geschäften zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens sowie an Autobahnraststätten oder Automaten grundsätzlich. Auch schränkt es die Möglichkeiten der Bewerbung von Alkoholika stark ein und erschwert den Erwerb von Schanklizenzen für neu eröffnende Wirtschaften - mehr aber nicht. Die Ausländer in den Brutstätten des All-inclusive-Tourismus werden von den Reformen nichts mitbekommen, und Einheimische, die morgens um fünf Alkohol trinken wollen, müssen eben einen kleinen Vorrat zu Hause anlegen.

          Die Debatte über das populäre, wohl auch mit Blick auf die nahenden türkischen Lokalwahlen verabschiedete Gesetz hatte es dennoch in sich. „Wenn zwei Säufer ein Gesetz machen, respektiert ihr es. Aber wenn wir ein Gesetz für etwas machen, das unser Glaube gebietet, lehnt ihr es ab. Warum?“, fragte Erdogan. Seine Rede von „zwei Säufern“ befeuerte die Diskussion, witterten manche darin doch eine Beleidigung ihres alkoholabhängigen Ersatzgottes Kemal Atatürk, des Staatsgründers der feuchtfröhlichen Türkei.

          Abstinent wie Kruppstahl

          Erdogan stellte klar, man habe das Gesetz verabschiedet, „um eine gesunde Generation heranzuziehen“. Nüchtern wie Leder und abstinent wie Kruppstahl sollen die jungen Türken nämlich sein, so will es ihr Ministerpräsident. Einschränkungen für den Verkauf von Alkoholika seien im Übrigen in Schweden viel schärfer, und dort rede niemand von einer Bedrohung für die Demokratie, merkte ein Politiker der Regierungspartei AKP an. Stimmt. In Schweden werden allerdings auch keine Kolumnisten entlassen, die kritisch über die Regierung schreiben. Es werden auch nicht friedliche Demonstranten mit Knüppeln und Pfeffergas auseinandergetrieben, weil sie dagegen sind, dass für den Bau eines Einkaufszentrums ein Park weichen soll. Es sitzen nicht Hunderte Angehörige konfessioneller oder ethnischer Minderheiten ohne Anklage in Untersuchungshaft. Es gibt keinen Regierungschef, der selbst leiseste Kritik als Sultansbeleidigung empfindet und reihenweise Satiriker oder Karikaturisten verklagt, und keine Zehnprozenthürde für den Einzug ins Parlament.

          Übrigens: An dem Tag, als in Ankara das Alkoholgesetz mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, brachte die oppositionelle Republikanische Volkspartei CHP einen Vorschlag zur Senkung der Hürde auf drei Prozent ein. Seit Jahren wird die Türkei von einheimischen Menschenrechtlern, dem Europarat und der EU vergeblich dazu gedrängt, die undemokratisch hohe Sperrklausel, die sich gegen Parteien der kurdischen Minderheit richtet, zu senken. Während die AKP das Alkoholgesetz billigte, stimmte sie gegen eine Senkung der Sperrklausel. Promille und Prozente sind eben nicht dasselbe.

          Den Gegnern des neuen Alkoholgesetzes rief Erdogan zu: „Geht und trinkt zu Hause! Wir haben nichts dagegen.“ Das sorgte für Entrüstung auch in westlichen Medien - aber warum eigentlich? Was ist so erhaltenswert am öffentlichen Saufunwesen des Westens? Peinlich, einem Ausländer, der viel von deutscher Ordnung gehört hat und erstmals in Deutschland ist, durch die versifften Frankfurter U- oder S-Bahn-Stationen am Hauptbahnhof führen zu müssen. Wie viel angenehmer sähen deutsche Städte aus, wenn ein starker gesellschaftlicher Druck dafür sorgte, dass Volltrunkenheit außerhalb der eigenen vier Wände als Schande gälte? Wenn den Menschen peinlich wäre, was ihnen peinlich sein sollte, nämlich sich in Straßenbahnen, auf Parkbänken oder Bahnsteigen zu betrinken? Wenn es endlich ein Ende hätte mit den ochlokratischen Vatertagsexzessen? Wenn Fußballultras verstünden, dass man sich im öffentlichen Raum zu benehmen hat, dass nicht gegrölt, gekotzt, an Häuserwände gepinkelt werden darf? Nähme sich Berlin in solchen Fragen nur ein Beispiel an Erdogan! Sollen die Leute ihre Süchte doch in den eigenen vier Wänden pflegen. Aber das bleibt wohl ein Wunsch, so fromm wie das anatolische Dorf.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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