https://www.faz.net/-gq5-7wjbx

Türkei : Gute Zeiten für Wasserwerferfabrikanten

Solche Bilder könnte es bald wieder geben: Die Polizei geht im Juni 2013 gegen Demonstranten vor dem Gezi-Park in Istanbul vor. Bild: AFP

Auf Istanbuls Taksim-Platz sind neue Baumaßnahmen geplant. Diese könnten abermals zu Protesten gegen den türkischen Präsidenten und seine AKP führen. Die Polizei rüstet auf.

          3 Min.

          Es gibt gute Nachrichten aus der türkischen Wirtschaft. Die Aktien des Unternehmens Katmerciler beispielsweise haben in jüngster Zeit stark an Wert gewonnen. Der Fahrzeughersteller mit Hauptsitz in Izmir gehört zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen der Türkei. Im vergangenen Monat legten die Katmerciler-Anteilsscheine sogar um sagenhafte 20 Prozent in nur zwei Tagen zu.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Grund war offenbar das günstige Zusammentreffen eines der erfolgreichsten Produkte des Hauses mit einer Aussage des türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Das zweifellos bekannteste Erzeugnis von Katmerciler nennt sich laut Firmenprospekt „Fahrzeug zur Intervention in soziale Ereignisse“, nach dem Akronym aus dem Türkischen auch „Toma“ genannt. Auf Deutsch würde man es einen Wasserwerfer nennen.

          Nun traf es sich, dass der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu nach den jüngsten Unruhen in der Türkei eine Ankündigung machte, die nicht zum Schaden der Hersteller von Fahrzeugen zur Intervention in soziale Ereignisse war. Nach der jüngsten Protestwelle in der Türkei im vergangenen Monat, als erzürnte und zum Teil gewalttätige Kurden auf die Straßen gingen, um gegen die ihrer Ansicht nach mangelnde Unterstützung Ankaras für die kurdischen Verteidiger der Stadt Kobane im Norden Syriens zu demonstrieren, war Davutoglu mit der Aussage zitiert worden: „Die öffentliche Ordnung in der Türkei ist garantiert. Für jeden zerstörten Toma werden wir fünf oder zehn neue Tomas kaufen.“

          Als bekannt wurde, dass die Regierung gleich 65 neue Fahrzeuge zur Intervention in soziale Ereignisse kaufen wolle, gab es kein Halten mehr für die Aktien von Katmerciler, zumal auch die anderen Rahmendaten des Unternehmens stimmen. Es hängt nicht nur vom Heimatmarkt ab, sondern exportiert auch nach Iran, Aserbaidschan, Ägypten, Libyen, Russland und in weitere Länder, in denen es immer wieder zu sozialen Ereignissen kommt. Dass die Firma einem ehemaligen Abgeordneten von Davutoglus Regierungspartei AKP gehört, dürfte bei staatlichen Ausschreibungen zudem kein unüberwindlicher Hinderungsgrund sein.

          Das türkische Wasserwerferbeschaffungsprogramm ist auch im Zusammenhang mit einer Nachricht interessant, die am Mittwoch viele Türken beschäftigte. Sie betraf den Fünfjahresplan der Stadtverwaltung Istanbuls zur Entwicklung der Vierzehn-Millionen-Metropole. Mehrere türkische Medien berichteten, der Plan sehe den Nachbau einer in den vierziger Jahren abgerissenen Kaserne aus der osmanischen Zeit vor, und zwar auf dem Gelände des Gezi-Parks in Istanbul. So stehe es im vom Stadtrat angenommenen Entwicklungsplan für die Jahre 2015 bis 2019. Im Stadtrat hat die AKP die Mehrheit, wie in den meisten Städten der Türkei. Die Pläne zur Einebnung des Gezi-Parks und zur Neugestaltung des Taksim-Platzes hatten im Mai und im Juni vergangenen Jahres zur bisher größten Protestbewegung gegen die seit mehr als einem Jahrzehnt regierende AKP geführt. Die Proteste fanden auch im Ausland Beachtung und erhielten nicht zuletzt aufgrund des oft brutalen Vorgehens der türkischen Polizei viel Zulauf. Sie sind Ausgangspunkt einer sich seither ständig verschärfenden Polarisierung der türkischen Gesellschaft.

          Weitere Themen

          Einer für den Norden

          Hannovers neuer OB Belit Onay : Einer für den Norden

          Das rote Hannover wird künftig von einem Grünen regiert. Für die Partei ist das wichtig. Die Öffentlichkeit interessierte sich mehr für Belit Onays Herkunft.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.