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Türkei : Frauen ohne Rock

Bald auch mit Hose: Hinter all diesen Männern stehen Frauen. Bild: REUTERS

Weibliche Abgeordnete im türkischen Parlament dürfen neuerdings Hosen tragen. Nun wird noch darüber gestritten, ob auch Kopftücher erlaubt sein sollen.

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          Die Türkei steht vor einer historischen Zäsur: Nach einer Debatte von fast zwei Jahren Dauer hat der für die Geschäftsordnung zuständige Ausschuss des türkischen Parlaments festgelegt, dass weibliche Abgeordnete fortan auch in Hosen das Volk repräsentieren dürfen. Die neue Regelung ersetzt eine aus den Anfangstagen der 1923 gegründeten Republik stammende Vorschrift, die ins das Parlament gewählten Frauen das Tragen von Röcken auferlegte. Die Hosen-Debatte ist gleichsam die kleine und etwas leisere Schwester der Kopftuch-Debatte, die seit Jahren nicht allein die Türken beschäftigt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Über Hosen im Parlament wird in der Türkei erst seit der Wahl vom Sommer 2011 disputiert, nachdem die Kandidatin Safak Pavey aus Istanbul für die oppositionelle Republikanische Volkspartei in das Hohe Haus gewählt worden war. Frau Pavey ist nach einem schweren Unfall auf eine Beinprothese angewiesen. Bilder der Abgeordneten, die sie im von einem Saaldiener geschobenen Rollstuhl mit einem Behelfsbein aus Metall zeigen, hatten die Ansicht bestärkt, dass die Kleiderordnung des Ankaraner Parlaments nicht mehr zeitgemäß sei. So wurde die Hosenfrage nach der konstituierenden Sitzung des Parlaments zu einem der wichtigsten politischen Projekte der laufenden Legislaturperiode.

          Parlamentarier der von Ministerpräsident Tayyip Erdogan geführten Regierungspartei AKP legten bereits wenige Tage nach Beginn der Diskussion einen Gesetzentwurf vor, der die Rockvorschrift hätte aufheben sollen. Der Entwurf wurde dann aber wieder zurückgezogen, nachdem Abgeordnete der vornehmlich von Kurden gewählten „Partei für Frieden und Demokratie“ im Oktober 2011 einen weitergehenden Vorschlag gemacht hatten. Demnach sollte weiblichen Abgeordneten nicht nur das Tragen von Hosen, sondern ausdrücklich auch von Kopftüchern gestattet werden. Außerdem seien Männer von der Krawattenpflicht zu entbinden, denn der Schlipszwang sei „Produkt eines Hierarchiedenkens“, so die Initiatoren und Initiatorinnen.

          Hitzige Debatte im Parlament

          Der kurdische Vorstoß führte jedoch zu einer hitzigen Debatte im türkischen Parlament, bei der Abgeordnete sich gegenseitig sinngemäß bezichtigten, ihre Unterstützung respektive Ablehnung einer Liberalisierung der Kleiderordnung lägen ungenannte, geheime Motive zugrunde, die die Sicherheit der Türkei bedrohten. Danach war zunächst einmal tote Hose in der Debatte. Parlamentssprecher Cemil Cicek von der AKP verkündete immerhin, Frau Pavey dürfe einstweilen auch ohne neue Regelung behost im Parlament erscheinen. „Sie darf Hosen tragen. Niemand wird ihr Kleidungsvorschriften machen“, versicherte der erste Mann des Hauses. Damit war die grundsätzliche Frage jedoch nicht gelöst, und hosentragende Parlamentarierinnen bewegten sich gleichsam in einer rechtlichen Grauzone. Auch Nichtregierungsorganisationen, Richterverbände und andere Clubs mischten sich nun in die Debatte über das Für und Wider von Hosenzwang und Kopftuchverbot ein. Manche gaben zu bedenken, dass es kein schriftlich festgehaltenes Kopftuchverbot für das Parlament gebe, eine Änderung der bestehenden Vorschriften also unnötig sei. Ihnen hielten die Befürworter einer Änderung den Fall der Abgeordneten Merve Kavakci entgegen, die als neugewählte Parlamentarierin der streng islamischen „Wohlfahrtspartei“ 1999 im Kopftuch zu ihrer Vereidigung erschienen war. Das Verfassungsgericht belegte Merve Kavakci daraufhin mit einem fünfjährigen Politikverbot und verbot die „Wohlfahrtspartei“.

          Safak Pavey distanziert sich vom Hosenstreit

          Safak Pavey, die durch ihre Behinderung den Hosenstreit unwillentlich ausgelöst hatte, ist der Streit bis heute unangenehm. Von Beginn an distanzierte sie sich davon, beschwerte sich vielmehr über Belästigung und darüber, dass ihre politische Arbeit auf ihre Behinderung reduziert werde. Allerdings zeigte sie sich erfreut darüber, dass die Debatte wenigstens die Aufmerksamkeit dafür geschärft habe, wie die Türkei mit Behinderungen umgehe.

          Auch nach der nun durchgesetzten Liberalisierung der parlamentarischen Kleiderordnung werden Kostümfragen aktuell bleiben in der Türkei, zum Beispiel an Schulen. Schuluniformen sind die Regel an türkischen Schulen, doch über die Details kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten. Anfang 2011 hatte eine Schule in Izmir – einer der wenigen verbliebenen Hochburgen der Opposition gegen Erdogan und seine AKP – statt einer Rockpflicht eine Hosenpflicht für Schülerinnen einführen wollen. Als Grund wurde angegeben, dass einige Röcke zu kurz gewesen seien. Nachdem sich etliche Eltern jedoch geweigert hatten, den Hosen-Erlass zu unterschreiben, musste die Schulführung klein beigeben. Als Ersatz schrieb sie dann aber vor, dass Röcke mindestens die Knie bedecken müssen.

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