https://www.faz.net/-gq5-79lqc

Türkei : Die Schlacht um den Gezi-Park

Für die Schönheit der Stadt: Demonstranten am Samstag in Istanbul Bild: AFP

Die Istanbuler wehren sich gegen die Verschandelung ihrer Stadt. Dabei fügen sie Ministerpräsident Erdogan eine deutliche Niederlage zu.

          4 Min.

          Auch wenn sie mitten im Zentrum des 15-Millionen-Molochs Istanbul liegt, hat die Akarsu-Straße im Stadtteil Cihangir an Wochenenden zumindest in den Morgenstunden etwas Dörfliches. Während sie abends bis weit nach Mitternacht in der Hand der Cafehausbesucher ist, wird die Straße an Vormittagen von den Einheimischen bevölkert. Viele Nachbarn kennen sich. Es wird über Familiäres geplaudert oder über die Qualität der Artischocken in dem von einer freundlichen kurdischen Großfamilie geführten Gemüseladen an der Ecke. Als die Anwohner an diesem Samstagmorgen ins Freie traten, fanden sie ihre Straße jedoch in ein Schlachtfeld verwandelt: Müll, Glassplitter, Pflastersteine waren die Relikte einer Straßenschlacht, die in der Vornacht am zentralen Taksim-Platz begonnen, sich dann aber in die umliegenden Straßen verlagert hatte.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Schon am Vorabend hatten sich denkwürdige Szenen in der Akarsu-Straße abgespielt. Da saßen Cafehausbesucher bei ihrem Wein, als vom wenige hundert Meter entfernt liegenden Taksim Menschen mit Taucherbrillen und feuchten Tüchern (gegen das Tränengas) herabgestürmt kamen. Eine unheilvolle Mischung aus Volksfest und Bürgerkrieg lag plötzlich über der sonst so friedlichen Straße. Zwar kommt es am Taksim häufiger zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei - regelmäßig zum Beispiel am 1. Mai –, doch das Ausmaß der Gewalt an diesem Wochenende überraschte selbst langjährige Anwohner.

          Am Taksim-Platz war zuvor ein zunächst lokaler, kaum zur Kenntnis genommener Protest gegen Baumaßnahmen der Stadt zu einem auf der ganzen Welt beachteten Ereignis umgeschlagen. Begonnen hatte es in der vergangenen Wache mit dem selbst in Istanbul kaum beachteten Protest weniger Dutzend Aktivisten in dem am Nordende des Taksim-Platzes gelegenen Gezi-Park. Der Park ist weder groß noch besonders schön, doch es ist das einzige Grün im unmittelbaren Zentrum der Stadt. Viele Passanten erholen sich hier nach einem Gang über die fast zu jeder Tageszeit überfüllte Istiklal-Straße, die wichtigste Einkaufsmeile im europäischen Teil Istanbuls. Etwas weiter entfernt gab es zwar einst auch eine Grünanlage, aber die existiert nicht mehr, sie musste einem Hotelgroßbau weichen. Die Proteste richteten sich gegen die Baumaßnahmen am Taksim und dem Gezi-Park der - davon jedenfalls gaben sich die Demonstranten überzeugt - einem Einkaufszentrum Platz machen sollte.

          Bild: F.A.Z.

          Der Bau von Einkaufszentren ist ein Markenzeichen der in ihrer inzwischen dritten Legislaturperiode unangefochten durchregierenden Partei für „Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) von Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Von einer „shopping mall policy“, einer „Einkaufszentrenpolitik“ spötteln die Gegner der AKP angesichts der Flut neuer Verbrauchertempel im ganzen Land und besonders in Istanbul. In einem unlängst veröffentlichten Bericht einer Vereinigung türkischer Immobilienagenturen heißt es, allein bis 2015 sei in der Türkei der Bau von 100 neuen Einkaufszentren geplant. Mehr als 80 davon sollen in Istanbul und der Hauptstadt Ankara aus dem Boden gestampft werden, obwohl Fachleute warnen, dass der Markt in den beiden Städten übersättigt sei. Die Zeitung „Hürriyet“ berichtete, allein in Istanbul hätten in jüngster Zeit elf an der Nachfrage vorbei gebaute Zentren geschlossen werden müssen.

          Angesichts solcher Entwicklungen war es nicht verwunderlich, dass die sinngemäßen Ankündigungen hoher und höchster AKP-Politiker, im Gezi-Park sei der Bau eines Konsumpalasts sowie von Luxusappartement geplant, Anwohner auf die Barrikaden brachten. Zwar sprach die Regierungspartei nach den hässlichen Bildern vom Wochenende von einem „Missverständnis“ - niemand habe die Absicht gehabt, den Gezi-Park zu vernichten. Doch wenn es tatsächlich nur ein Missverständnis war, dann hat die Regierung Erdogan alles dafür getan, es zu befördern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zum Tod von Diego Maradona : In den Händen Gottes

          Bei der WM 1986 wurde er in Argentinien zum Heiligen. Er war einer, der es nach ganz oben schaffte. Nun muss die Fußball-Welt sich von einem ihrer größten Spieler verabschieden: Im Alter von nur 60 Jahren ist Diego Armando Maradona gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.