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Türkei : Die Intoleranz der anderen

Um die Frage, ob in öffentlichen Einrichtungen (wieder) ein Kopftuch getragen werden darf, gab es erbitterte Auseinandersetzungen. Kopftuchträgerinnen werden an der Istanbuler Universität von säkular orientierten Studentinnen mitunter immer noch angepöbelt. Bild: AP

Während Polizei und Demonstranten noch um Deutungshoheit ringen, wer für den Tod eines Demonstranten in Antakya verantwortlich sei, werden in Istanbul Kopftuchträgerinnen beschimpft - von Kommilitoninnen. Die Türkei kämpft mit einer Unduldsamkeit, die alle Lager erfasst hat.

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          Die türkische Protestsaison 2013/14 ist eröffnet. In Istanbul traten viele Menschen in der Nacht zum Mittwoch wieder mit Töpfen, Pfannen und anderen Haushaltsgeräten auf die Balkone oder an ihre Fenster, um lautstark ihren Unmut kundzutun. In Ankara hatten die Proteste gegen die Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan schon vorher wieder eingesetzt, pünktlich zum Ende der Urlaubssaison. Seit August formiert sich in der türkischen Hauptstadt bereits Widerstand, bei dem es vordergründig wieder einmal um Bäume geht.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          So war es auch zu Beginn der großen Proteste gewesen, die im Juni das halbe Land erfassten. Sie hatten ihren Ausgang genommen im Istanbuler Gezi-Park, wo eine Bürgerinitiative die Abholzung von Bäumen verhindern wollte, die einem Einkaufszentrum hätten weichen sollen. Weil die Regierung die Proteste mit überharten Polizeieinsätzen bekämpfen ließ und zu kriminalisieren versuchte, wurde aus der lokalen Begebenheit binnen Tagen ein international beachtetes Ereignis.

          Bürgermeister: „Eine Handvoll Militanter“

          In Ankara wollen Studenten der „Middle East Technical University“, die auch im Original den englischen Namen führt und zu den angesehensten Hochschulen der Türkei gehört, nun ein Straßenbauprojekt verhindern, als dessen Folge laut ihrer Darstellung eine Stadtautobahn mitten durch einen Teil des weitläufigen Universitätsgeländes führen soll. Angeblich sind Tausende Bäume von dem Bau bedroht. Laut Angaben der Lokalverwaltung handelt es sich um den Bau einer dringend notwendigen Entlastungsstraße zwischen zwei Hauptverkehrsverbindungen.

          Melih Gökcek, Ankaras Bürgermeister seit vielen Jahren und Mitglied der regierenden „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP), bezeichnete die Demonstranten abschätzig als „Handvoll Militanter“, deren einziges Ziel es sei, „eine Szene zu machen“. Ähnlich verächtlich hatten Erdogan und seine Minister anfangs auch über die Demonstranten im Gezi-Park gesprochen und damit zum Wachstum der Protestbewegung beigetragen.

          Eine Straße durch den Uni-Campus

          Auch im jüngsten Fall blieben die Proteste nicht auf Ankara beschränkt. In Antakya, der Hauptstadt der türkischen Provinz Hatay an der Grenze zu Syrien, kam es zu „Solidaritätskundgebungen“ (laut Darstellungen von Teilnehmern) oder „Ausschreitungen“ (in der Lesart staatlicher Stellen). In Hatay ist eine starke arabische Minderheit zu Hause, die mehrheitlich mit dem syrischen Diktator Assad sympathisiert und daher mit der nach dessen Sturz trachtenden Syrien-Politik Ankaras besonders unzufrieden ist. So speisen sich Proteste, die vermeintlich innenpolitischen Themen gelten, in Antakya oft auch aus diesem allgemeinen Missmut.

          Fest steht, dass ein junger Teilnehmer an den Protesten in Antakya ums Leben kam. Über den Hergang gab es zunächst widersprüchliche Angaben. Noch wenige Stunden nach dem Tod des jungen Mannes hatten türkische Medien am Dienstag unter Berufung auf Angehörige des Verstorbenen berichtet, dieser sei von einer Tränengasgranate der Polizei so schwer getroffen worden, dass er seinen Verletzungen erlag. Aufgrund des brutalen Vorgehens der türkischen Polizei im Sommer schien das vielen Türken glaubwürdig, zumindest möglich zu sein.

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