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Türkei : Das schwere Los der Abtrünnigen

An der Grenze: Kahramanmaras, Stationierungsort der deutschen Patriot-Raketenabwehrsysteme Bild: Tolga Sezgin/NarPhotos/laif

Lange, bevor deutsche Soldaten in die Türkei geschickt wurden, kam es in Kahramanmaras zu einem rassistisch motivierten Massaker. Viele Menschen verloren ihr Leben - doch kaum jemand weiß, was genau geschah.

          Damals hatte es keiner geahnt, aber heute weiß jeder: Das Unglück begann, als die Losverkäufer in die Stadt kamen. Ünal Ateş wurde 1971 geboren, er war erst sieben, an die Verkäufer selbst kann er sich nicht erinnern, aber sein Vater hat ihm davon erzählt. Im Dezember 1978 tauchten von einem Tag auf den anderen lauter fremde Losverkäufer in der Stadt auf. Dutzende junger, kräftiger Männer, die niemand je zuvor gesehen hatte. „Ich ging damals in die zweite Klasse. Plötzlich hörten wir Schüsse in der Stadt. Dann hat der Lehrer gesagt, wir hätten jetzt schulfrei und sollten nach Hause gehen“, erinnert sich Herr Ateş.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das Auftauchen der unbekannten Losverkäufer war nicht die einzige Merkwürdigkeit jener Tage. Da waren auch die Männer, die mit roter Farbe Kreuze an die Türen bestimmter Häuser und Geschäfte malten. Als man sie fragte, was das zu bedeuten habe, antworteten die Männer, sie kämen von der Stadtverwaltung und müssten Sanierungsarbeiten vorbereiten. Ob es den Leuten damals auffiel, dass die Zeichen nur auf Türen gemalt wurden, hinter denen Aleviten lebten oder arbeiteten, weiß Herr Ateş nicht zu sagen.

          Aber er weiß, dass zwischen dem 19. und dem 26. Dezember bei einem Pogrom in Maras mehr als hundert Menschen ermordet, viele weitere geschlagen, gefoltert oder vergewaltigt wurden. Die falschen Lotterieverkäufer drangen in die Viertel der Aleviten ein und stürmten die Häuser, deren Türen mit roten Kreuzen gekennzeichnet waren. Nach staatlichen Angaben wurden 1978 in Kahramanmaras mehrere hundert Häuser und Geschäfte geplündert, kamen 111 Menschen ums Leben. Die Aleviten sagen sogar, dass fast 1.000 Menschen damals ihr Leben verloren.

          Tausende verließen ihre Heimat

          Ünal Ateş und die Seinen überlebten, weil ein sunnitischer Nachbar die Familie beschützte, bevor sie zu Verwandten aufs Land fliehen konnte. „Man darf das nicht verallgemeinern. Es gab Sunniten, die uns bedroht und andere, die uns vor Bedrohungen beschützt haben. Es gibt viele Geschichten davon, wie Sunniten aus Kahramanmaras ihre alevitischen Nachbarn bei sich zu Hause aufgenommen haben“, erzählt Herr Ateş. Der Bauingenieur ist Vorsitzender einer alevitischen Kulturvereinigung.

          Zwar gibt es heute viel weniger Aleviten in Kahramanmaras als vor dem Massaker von 1978, denn damals verließen Tausende ihre Heimat für immer, sie wanderten in andere türkische Provinzen aus oder nach Europa, nach Deutschland vor allem. Doch noch immer leben viele tausend Aleviten in der Provinz. Wie viele es genau sind, kann niemand mit Sicherheit sagen, denn seit 1965 wird bei Volkszählungen in der Türkei nicht mehr nach ethnischer oder konfessioneller Herkunft gefragt.

          Es lassen sich aber indirekte Schlüsse aus den Wahlergebnissen ziehen, denn traditionell wählen Aleviten (vermeintlich) „linke“ Parteien, wie die sich als sozialdemokratisch definierende „Republikanische Volkspartei“ (CHP) des türkischen Oppositionsführers Kemal Kilicdaroglu. Das verwundert Außenstehende immer wieder, denn die CHP verfolgt einen strikt nationalistisch-kemalistischen Kurs und setzt sich keinesfalls für die Interessen der Aleviten ein. Herr Ateş bestreitet das nicht, sagt aber, die Regierungspartei AKP sei für die meisten Aleviten erst recht nicht wählbar.

          Der Gerichtsprozess war eine Farce

          Schließlich stelle die Partei des Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan zwar mehr als 300 Abgeordnete in Ankara und etwa 1.000 Bürgermeister in der Türkei, doch gebe es nur eine handvoll Aleviten in ihren Reihen. Die sunnitische Basis der AKP blickt außerdem mit Misstrauen auf die alevitische Minderheit. Viele sehen sie als Abtrünnige, denn Aleviten pilgern nicht nach Mekka und fasten auch nicht. Es gibt sogar Aleviten, die ihren Glauben nicht als Bestandteil des Islam definieren, sondern als eigenständige Religion. So weit geht Herr Ateş nicht, für ihn ist das Alevitentum eine Glaubensrichtung innerhalb des Islam.

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