https://www.faz.net/-gq5-79czx

Türkei : Das Ayran-Komplott

Wo Raki und Bier noch fließen: Abendlicher Blick in die Nevizade-Gasse im Istanbuler Stadtviertel Beyoglu Bild: Pilar, Daniel

Ein neues Gesetz soll den Konsum von Alkohol in der Türkei mindern. Sofort regt sich in der kemalistischen Opposition Widerstand - als wäre die Freiheit vor allem an dieser Front bedroht.

          3 Min.

          Nicht alle Restaurants und Cafés in Cihangir, einem der beliebtesten Ausgehviertel Istanbuls, besitzen eine Lizenz zum Ausschank von Alkohol, doch viele Wirte umgehen die fehlende Erlaubnis mit kleinen Tricks: Sie schenken Wein oder Bier in Tassen aus, damit etwaige Inspekteure nicht allzu leicht Verdacht schöpfen. Ein Cabernet Sauvignon, im Kaffeepott serviert, trübt das Gesamterlebnis zwar erheblich, doch einige Gäste nehmen es hin, um nicht auf den Wein zum Essen verzichten zu müssen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Sie finden ihren Alkoholkonsum dann übrigens auch nicht auf der offiziellen Rechnung dokumentiert (das brächte dem Wirt Ärger mit der Steuer), sondern als handschriftlichen Zusatz, der zwar oft unleserlich ist, die Endsumme aber erheblich vergrößert. Ginge es nach Recep Tayyip Erdogan, würden in der Türkei ohnehin nur nichtmuslimische Touristen Alkohol konsumieren. Der türkische Ministerpräsident ist Abstinenzler, wie fast alle Politiker seiner im Islam verwurzelten Regierungspartei AKP - zumindest in der Öffentlichkeit. Zu den wenigen Ausnahmen gehört der EU-Beauftragte Egemen Bagis, der auch mal ein Glas Wein trinkt, aber womöglich nur aus Pflichtgefühl angesichts seiner Aufgabe, die Türkei zur Europa-Reife zu führen.

          Die Regierung hat die Steuer auf Alkoholika in den vergangenen Jahren mehrfach kräftig erhöht. Erdogans Büro trat Ende April als Mitveranstalter einer zweitägigen Konferenz zur Bekämpfung des Alkoholkonsums in Istanbul hervor. Gut 1.200 renommierte Nichttrinker aus 53 Staaten lauschten dort Erdogans Eröffnungsrede. Dieser kündigte in einer Brandrede zusätzliche Maßnahmen seiner Regierung zur Bekämpfung des Alkoholkonsums in der Türkei an und stellte fest, das Nationalgetränk der Türkei sei ohnehin nicht Raki (Anisschnaps), sondern Ayran (ein Joghurt-Getränk).

          Eine ideologische Frage

          Solche an sich harmlosen Meinungsäußerungen bringen zuverlässig die sich kemalistisch nennende Opposition gegen die AKP in Wallung. Denn Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei, war nicht nur ein energischer Reformer, sondern auch ein dem Raki ergebener Alkoholiker. Für viele seiner Anhänger ist der Konsum von Alkohol im Allgemeinen und Raki im Besonderen daher eine ideologische Frage. Sobald Erdogan einen seiner gleichsam guttemplerischen Kommentare abgibt, malen sie das Gespenst vom islamistischen Gottesstaat an die Wand, den die AKP angeblich zu errichten im Begriff sei.

          Seit Freitag haben Erdogans Gegner nun wieder reichlich Anlass zu spirituöser Sorge. In den frühen Morgenstunden hat das Parlament in Ankara, in dem die AKP mit ungefährdeter Mehrheit regiert, ein neues Gesetz verabschiedet, das den Alkoholkonsum weiter einschränken soll. Zwar muss das Gesetz noch von Staatspräsident Abdullah Gül unterzeichnet und dann im Staatsanzeiger veröffentlicht werden, aber das sind Formalien, an denen es schwerlich scheitern wird. Abgeordnete der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) hatten bei den Beratungen über das Gesetz im zuständigen Unterausschuss des Parlaments aus Protest gegen die angebliche Islamisierung der Türkei demonstrativ Ayran ausgeschenkt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nobelinsel Martha’s Vineyard : Ein neues Haus für die Obamas

          Martha’s Vineyard ist eine der exklusivsten Wohnadressen in den Vereinigten Staaten. Jetzt darf sich die illustre Reihe Prominenter dort über neue Nachbarn freuen – sofern man die Obamas auf ihrem riesigen Anwesen zu Gesicht bekommt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.