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Ein Besuch in Tschernobyl : Für Tausende Jahre radioaktiv verstrahlt

Was allerdings mit ihrem Inhalt geschehen soll, wenn nach hundert Jahren wie im Märchen vom Dornröschen alle aufwachen, steht in den Sternen. Für den 1986 zu strahlender Uranlava zerschmolzenen, etwa 200 Tonnen schweren Reaktorkern, der sich damals in die Keller hinabschmolz und seither dort im Grundwasser liegt, ist keine Bergungstechnologie in Aussicht, und auch für ein Endlager, wo Kern und Brennstäbe irgendeinmal Ruhe finden könnten, gibt es keine Planung.

Immerhin aber steht der Bogen jetzt, und wie die EBRD bekanntgegeben hat, wird er samt allen Nebenanlagen 2,1 Milliarden Euro kosten. Etwa 930 Millionen kommen von der EU und der Bank selbst, 330 Millionen aus Amerika, der Rest von weiteren Staaten. Deutschland schießt 106 Millionen zu, und Russland, das die Ukraine jetzt nicht mehr mit Graphitreaktoren überzieht, sondern mit Krieg, tut, als sei nichts, und zahlt gerade einmal 70 Millionen.

Wie es weitergehen wird? Bis 2064, wenn die zweite Halbwertszeit von Strontium und Cäsium längst abgelaufen ist, sollen die intakt gebliebenen Blöcke eins bis drei abgebaut sein. Die Strahlung wird dann nur noch ein Viertel des Anfangswerts betragen, was die Arbeit leichter macht.

Der ewige Expertenstreit darüber, wie vielen Menschen die Katastrophe von Tschernobyl insgesamt den Tod bringen wird, wird dann kaum noch Lebende betreffen. Heute ist er noch in vollem Gang. Die sowjetischen Daten sind lückenhaft und vielleicht gefälscht, Erfahrung mit der Langzeitwirkung abnehmender Strahlung gibt es kaum, und entsprechend weit gehen die Prognosen auseinander.

Die Weltgesundheitsorganisation sieht über die Jahrzehnte 9000 Tote voraus, hauptsächlich durch Krebs und Kreislaufkrankheiten. Umweltorganisationen wie Greenpeace oder der Bund Umwelt und Naturschutz verdächtigen das offizielle Institutionennetz dagegen der Komplizenschaft mit den Nuklearstaaten der Welt und verweisen auf Forschungen wie die des weißrussischen Akademiemitglieds Michail Malko, der durch Hochrechnungen aufgrund des vergleichsweise detaillierten weißrussischen Krebsregisters bis zum Jahr 2056 für ganz Europa 236 000 zusätzliche Krebsfälle vorhersagt.

Zerfallene Schiffswracks in der verstrahlten Zone von Pribjat

2117 dann, zum zweihundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution, läuft die Dienstzeit des großen Bogens und der Zwischenlager für Brennstäbe aus. Wenn bis dahin die Reaktorlava nicht geborgen und kein Endlager gebaut ist, kann dann eine neue Zwischenperiode mit dem Vorzug einer Arbeitsplatzgarantie für die Wachmannschaften bis ins dreiundzwanzigste Jahrhundert beginnen.

Am dreihundertsten Jahrestag des Unglücks wird ein anderes Problem sich von selbst gelöst haben. Strontium und Cäsium haben dann zehn Halbwertszeiten durchlaufen. Nach gängiger Annahme werden sie damit harmlos sein, genauso wie der größte Teil des leicht- und mittelkontaminierten Atommülls, der 1986 im Chaos der Katastrophe eilig in der Zone vergraben worden ist.

An diesen Erdlöchern, die heute den stolzen Namen „Endlager für schwach- und mittelaktive Abfälle“ tragen, kann dann die Wache abziehen.

Happy End? Vielleicht, vielleicht nicht. Draußen am Rand der Zone jedenfalls haben sie Warnschilder aufgestellt, Landkarten der Verstrahlung je nach Geisterstadt und Geisterdorf, jedes Isotop in seiner eigenen Farbe, wild geformt, je nach Wind und Regenfall der Katastrophentage, verfließend wie Wasserfarbe in der Zeichenstunde.

Eine der Karten ist dunkler als die anderen. Während die für Cäsium und Strontium in Rosa und Orange changieren, dräut eine dritte in tiefem Purpur: Plutonium-239, das böseste unter all den Giften, die der Reaktor damals in die Stratosphäre geschleudert hat. Plutonium hat damals eine freundliche Eigenschaft bewiesen und eine böse. Die freundliche: Es fliegt nicht weit, weil es so schwer ist.

Die böse: Es bleibt lange liegen - mehr als 24 000 Jahre dauert seine Halbwertszeit. Greenpeace ist in seinem jüngsten Tschernobyl-Bericht deshalb zur Folgerung gekommen, dass die innere Zone, zehn Kilometer um den Reaktor, „in den nächsten 10 000 Jahren nicht wieder besiedelt werden kann“.

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