https://www.faz.net/-gq5-8gc0l

Ein Besuch in Tschernobyl : Für Tausende Jahre radioaktiv verstrahlt

Jod-131 ist eines der schlimmsten unter den nuklearen Isotopen, die damals freigesetzt wurden, und alle Fachleute sind sich einig, dass die meisten Tumorfälle nach dem Unglück - vor allem Schilddrüsenkrebs bei Kindern - auf diese Substanz zurückgehen. Allerdings ist es mit einer Halbwertszeit von nur acht Tagen auch ein recht flüchtiges Nukleargift. Nach konventioneller Auffassung ist es nach 80 Tagen abgeklungen.

Die Sowjetunion, welche der Ukraine nach Lenins Maxime „Kommunismus, das ist Räteherrschaft plus Elektrifizierung“ neben den Staustufen des Dnjepr auch orchestrierte Hungersnöte und den Graphitreaktor geschenkt hatte, überlebte Tschernobyl ein wenig länger.

Schon in den siebziger Jahren hatte der Dichter Zbigniew Herbert im besetzten Polen den Tag vorausgeahnt, da draußen am Rand, „in Sarajevo, in Trabzon... oder im Pandschirtal... ein lokaler Brand ausbricht, und das Imperium fällt“. Als dann aber 1986 der „lokale Brand“ tatsächlich da war, ging trotzdem noch die Zeitspanne eines Fünfjahresplans ins Land, bis 1991 auch das Imperium, die Sowjetunion, zerbrach.

Das große Experiment, das Bulgakow in „Hundeherz“ als den Versuch geschildert hatte, Straßenköter durch wissenschaftlichen Fortschritt zu Bannerträgern des Proletariats zu machen, war zu Ende.

Der Zerfall des Jods brachte Krebs, der Zerfall der Sowjetunion brachte die Gangsterkriege, in denen jenes oligarchische System entstand, gegen das die Ukraine bis heute kämpft. Beim zehnten Jahrestag, 1996, wechselte dieses System gerade von der Phase der Bombe und der Kalaschnikow zur effektiveren Form der gekauften Präsidenten.

In Tschernobyl wurde damals immer noch Strom produziert. Reaktor vier war zwar 1986 explodiert, aber die benachbarten Einheiten eins bis drei waren fast unversehrt geblieben, und da Oligarchenwirtschaft billigen Strom braucht und Risiken ihr egal sind, betrieb man die übrigen Blöcke weiter.

Gondeln in einem früheren Vergnügungspark in Pripjat

Erst nachdem Europa und Amerika bemerkt hatten, dass 1986 in Tschernobyl nur einer von vier potentiellen Katastrophenreaktoren detoniert war, während drei andere Bomben weitertickten, war das anders geworden. Der Ukraine hatte man einen Deal nach dem Geschmack der Oligarchen angeboten: Geld gegen Abschaltung. Im Jahr 2000, kurz vor dem 15. Jahrestag, war dann der letzte Block vom Netz genommen worden. Die verbliebenen, extrem radioaktiven Brennstäbe, etwa 21 000 Stück, steckte man in Wasserbecken, wo sie bis heute liegen.

Jetzt ist der dreißigste Jahrestag erreicht, und diesmal fallen die Zeitreihen der Jubiläumskultur zusammen mit denen der Nuklearphysik und der Biologie. Dreißig Jahre, das ist die Halbwertszeit der Isotope Cäsium-137 und Strontium-90, der beiden Gifte, die heute neben dem Plutonium die gefährlichsten in der Zone sind.

Dreißig Jahre sind aber zugleich auch die Spanne einer Menschengeneration - und genau dieser Schnittpunkt ist jetzt Gegenwart, der Ort, an dem die Zukunft von Tschernobyl beginnt.

Was wissen wir darüber? Der nächste Fixpunkt kommt 2017. Die Oktoberrevolution, der Umsturz in der russischen Hauptstadt St. Petersburg, mit dem 1917 Lenins Elektrifizierung begann, wird dann hundertstes Jubiläum haben. Die Ukraine hat Lenins Bildnisse zwar inzwischen wie alle Symbole des Kommunismus aus dem öffentlichen Raum verbannt.

In der Zone von Tschernobyl aber ist auch diese Vergangenheit zäher als anderswo. In der Geisterstadt Pripjat prangen Hammer und Sichel noch auf allen Blockruinen, und wer auf der Überholspur des Lenin-Prospekts durchs Haseldickicht streift, stößt auf Laternen mit Sowjetstern.

Noch aus einem anderen Grund aber wird 2017 bedeutend sein. In diesem Jahr soll der große Bogen in Dienst gestellt werden, zusammen mit dem neuen, nach teuren Pannen endlich von dem amerikanischen Holtec-Konzern beinahe fertiggestellten Zwischenlager ISF2, in dem die übriggebliebenen Brennstäbe verschwinden sollen. Bogen und Lager sind für je hundert Jahre ausgelegt und sollen Stürme bis zu 350 Stundenkilometern sowie Erdbeben bis zur Stärke sechs aushalten.

Weitere Themen

Ermittlungen gegen Assange eingestellt Video-Seite öffnen

In Schweden : Ermittlungen gegen Assange eingestellt

Die schwedische Justiz stellt die Ermittlungen wegen mutmaßlicher Vergewaltigung gegen Wikileaks-Gründer Julian Assange ein. Die Untersuchung werde nicht fortgeführt, teilte Staatsanwältin Eva-Marie Persson nach einer Prüfung der Beweismittel mit.

Taliban lassen zwei westliche Geiseln frei

Afghanistan : Taliban lassen zwei westliche Geiseln frei

Im August 2016 waren der Amerikaner Kevin King und der Australier Timothy Weeks in Kabul verschleppt worden. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs mit der Regierung haben die Taliban die beiden Professoren nun freigelassen.

Topmeldungen

Antrieb der Zukunft : Elektroautos retten das Klima nicht

Mit welchem Antrieb wir in die Zukunft fahren, scheint politisch entschieden. Aber neue Untersuchungen nähren Zweifel. Demnach ist ein Elektroauto erst nach 219.000 Kilometern besser für das Klima. Der Plug-in-Hybrid ist erst recht kein Gewinn.
Während des Sommers 2015 hat es auch viele Flüchtlinge nach Dänemark gezogen. Welche Rolle dabei Sozialtransfers gespielt haben, ist kaum zu ermitteln.

Princeton-Studie : Sozialleistungen locken Zuwanderer

Bislang haben wissenschaftliche Untersuchungen nur einen schwachen Effekt von Sozialtransfers auf die Bereitschaft zuzuwandern nachgewiesen. Ein Forscherteam hat es nun am Beispiel Dänemark untersucht und Überraschendes beobachtet.
Gut verdienen -  das wollen viele; aber wo gibt es die besten Gehälter?

Gehaltsreport für Absolventen : Berufswunsch? Reich!

Ein Studium zahlt sich aus – so viel ist bekannt: Akademiker können sich auf höhere Gehälter freuen als Nicht-Akademiker. Aber das ist natürlich nur ein Durchschnitt, wie diese neuen Gehaltsdaten zeigen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.