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Trauerfeier für Margaret Thatcher : Eine britische Balance

Trauerzug in der St. Paul’s Cathedral Bild: AFP

London trägt die frühere britische Premierministerin zu Grabe. Mit einer Trauerzeremonie, die versöhnlicher kaum sein konnte. 2300 Gäste aus 170 Staaten erwiesen Margaret Thatcher die letzte Ehre.

          3 Min.

          Noch am Abend vor der großen Trauerfeier waren drei Männer festgenommen worden, die ihre Abneigung gegen Margaret Thatcher auf die Außenmauern der St Paul’s Cathedral sprühen wollten. Am nächsten Morgen hatten die 4000 Polizisten, die für die Sicherung der Trauerprozession abgestellt worden waren, dann nicht mehr viel zu tun. Sie wurden – wie Tausende Londoner an den Straßenrändern und 2300 geladene Gäste in der Kathedrale – Zeuge eines Abschieds, der versöhnlicher kaum sein konnte. Aus Sicht Margaret Thatchers, die den politischen Kampf mit Leidenschaft liebte, wäre dies womöglich der einzige Wermutstropfen an diesem Tag gewesen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die präzise choreographierte Zeremonie begann um zehn Uhr morgens, als der Leichenwagen die Kapelle von St Mary Undercroft in Westminster verließ und langsam über die Pracht- und Regierungsstraße Whitehall in Richtung Osten glitt. Als der Wagen Downing Street 10 passierte, von wo Frau Thatcher mehr als elf Jahre lang das Land regiert hatte, salutierten die Wachleute vor dem Tor. Vor der Church of St Clement Danes, der Hauptkirche der Royal Air Force, verluden Soldaten den mit dem Union Jack bedeckten Sarg auf eine Lafette, die im Ersten Weltkrieg im Einsatz gewesen war. Sechs Kavalleriepferde zogen nun den Kanonenwagen bis zur Kathedrale.

          Der Sarg Margaret Thatchers in der St. Paul’s Cathedral Bilderstrecke
          Der Sarg Margaret Thatchers in der St. Paul’s Cathedral :

          Die begleitenden Soldaten – sie repräsentierten die Royal Navy, die Royal Marines und die Royal Air Force sowie die „Scots Guards“ und die „Welsh Guards“ – bewegten sich im schleppenden Rhythmus der Trauermärsche, die die „Band of the Royal Marines“ an der Spitze des Zuges spielte. 19 Salutschüsse wurden vom weit entfernten Tower of London abgefeuert, zwei weniger, als Winston Churchill 1965 erhalten hatte – und noch viel weniger, als Buhrufe zu hören waren. Viele Zuschauer empfingen den militärischen Ehrenzug mit Applaus, manche warfen Blumen.

          „Es bleibt eine große Stille“

          Nach Tagen des Streits um das politische Vermächtnis der „Eisernen Lady“ fand Richard Chartres, der Bischof von London, in seiner Predigt Worte, die keinen Widerspruch mehr zuließen: „Nach dem Sturm eines Lebens, das in der Hitze politischer Gegnerschaft geführt wurde, bleibt eine große Stille“, sagte er und fügte an: „Wie sie hier liegt, ist sie eine von uns, der gemeinsamen Bestimmung unterworfen, die alle Menschen teilen.“

          Der Bischof, ein Freund der Familie, erinnerte an Frau Thatchers menschlichen Umgang mit Nahestehenden, auch ihr genuines Interesse an jenen, die nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit standen. Zur Verdeutlichung las er den Brief eines neun Jahre alten Jungen vor – und die handschriftliche Antwort der Premierministerin. Chartres gelang eine britische Balance: Mal wurde gelacht, mal bewegte er die Gäste so, dass sich Schatzkanzler George Osborne eine Träne aus dem Gesicht wischen musste. Nach einer Stunde endete der Gottesdienst, und die Trauergemeinde verteilte sich auf die verschiedenen Empfänge in der Stadt.

          Am Morgen hatte Premierminister David Cameron noch einmal den Zuschnitt der Feier verteidigt, deren Kosten von umgerechnet mehr als zehn Millionen Euro manche befremden. Frau Thatcher sei nicht nur die erste Frau an der Spitze einer britischen Regierung, sondern der am längsten dienende Premierminister seit eineinhalb Jahrhunderten gewesen, sagte Cameron. Das Begräbnis, das nicht zuletzt durch die Teilnahme der Königin einem Staatsbegräbnis glich, sei „passend“, argumentierte der Regierungschef, der während der Trauerfeier – als einziger Gast neben Frau Thatchers Enkeltochter Amanda – aus der Bibel las.

          Es war ein würdiges letztes Geleit, mit den Nachkommen Frau Thatchers im Mittelpunkt, aber es sei auch „eine Politikerin von Politikern gefeiert worden“, sagte ein Reporter der BBC nach dem Gottesdienst. Die gesamte politische Spitze Großbritanniens war der Einladung gefolgt, darunter Oppositionschef Ed Miliband und die früheren Labour-Premierminister Tony Blair und Gordon Brown.

          Westerwelle würdigt „Glaube an die Kraft des Individuums“

          Mehr als zwei Dutzend Minister, die in den Kabinetten Frau Thatchers gedient hatten, waren gekommen und mischten sich mit Repräsentanten aus etwa 170 Staaten.

          Deutschland wurde von Außenminister Guido Westerwelle vertreten, der seinen Respekt für die Wirtschaftsliberale mit Worten bekundete, die fast schon in den deutschen Vorwahlkampf hineinragten: „Der Wille Margaret Thatchers und ihr Glaube an die Kraft des Individuums waren die Grundlage für Großbritanniens Comeback in Europa und in der Welt.“

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