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Anschlag in Paris : Frankreichs Terrorabwehrkräfte an ihren Grenzen

Polizisten in der Nacht zum Donnerstag in Paris Bild: dpa

Die französischen Sicherheitsbehörden hatten gerade damit begonnen, sich strategisch neu aufzustellen, als es zu dem Anschlag auf das Magazin „Charlie Hebdo“ kam. Erstmals sollten wie in Deutschland auch Präventionsmaßnahmen ergriffen werden.

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          Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ hat die französischen Sicherheitsbehörden mitten in einer Phase der strategischen Neuausrichtung getroffen. Erst Ende September hatte ein Sprecher des „Islamischen Staates“ die Anhänger seiner Terrororganisation aufgerufen, Anschläge in allen Staaten zu verüben, die sich dem Kampf gegen die Dschihadisten verschrieben hatten. Er hob dabei hervor, dass es „vor allem die boshaften und dreckigen Franzosen“ treffen solle. Schon seit einigen Monaten waren die französischen Behörden darum in großer Sorge. Ihnen war bewusst, dass Frankreich im Zentrum der dschihadistischen Bedrohung steht.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          „In den vergangenen Monaten wurden ständig Zellen ausgehoben und Verdächtige festgenommen. Die Franzosen unternehmen seit fünf, sechs Monaten ganz andere Anstrengungen in der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus“, sagt Asiem el Difraoui, ein Dschihadismusexperte, der an der französischen Eliteuniversität Institut d’études politiques de Paris („Sciences Po“) forscht und an einer Aufklärungskampagne der französischen Regierung gegen den islamistischen Extremismus mitarbeitet, im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Kaum Mittel gegen Einzeltäter

          Zum ersten Mal gehöre auch Prävention zu den Instrumenten der französischen Terrorabwehr, so Difraoui. In Frankreich hat nach seinen Worten die Debatte darüber erst viel später begonnen als in Deutschland, schließlich seien die französischen Behörden erfahren und recht erfolgreich in der Terrorabwehr gewesen. „Die ersten dschihadistischen Anschläge im Westen überhaupt – abgesehen von dem Angriff auf das World Trade Center von 1993 – wurden in Frankreich verübt, auch schon von Einzelkämpfern und Kleingruppen“, sagt Difraoui. Damals sei massiv in den Sicherheitsapparat investiert worden. „Inzwischen ist ihnen aber bewusst, dass die Antiterrorgesetze sowie das Repressions- und Geheimdienstinstrumentarium nicht ausreichen“, sagt er.

          Dass die Bedrohung in den vergangenen Monaten immer größer geworden ist, hängt mit dem Konflikt in Syrien zusammen. Ende November waren nach Angaben des französischen Innenministeriums 1132 Franzosen in dschihadistischen Netzwerken in Syrien und im Irak engagiert. „Die Gefährdung durch die Rückkehrer steht in Frankreich ganz oben auf der Agenda“, sagt Difraoui. „Es werden Pässe konfisziert, es wird versucht, Leute zurückzuholen.“ Aber auch in Frankreich sei es schwer, alle Rückkehrer zu erfassen und zu filtern. Die Behörden unternähmen alles, was in ihrer Macht steht, aber sie wüssten, dass sie nur beschränkte Möglichkeiten haben. „Gegen Angriffe von Einzeltätern oder Kommandoaktionen kleiner Gruppen, die ihre Ziele selbst auswählen, kann man sich kaum schützen“, sagt Difraoui.

          Die französische Dschihadistenszene beschreibt er als „eklektisch“. Viele extremistische Biotope und Einzelpersonen im ganzen Land hätten sich stark über die sozialen Netze im Internet und den Syrien-Konflikt geformt und verknüpft. Der Informationsfluss sei sehr schnell. Als Mohamed Merah 2012 sein Unwesen trieb, habe er schnell 10000 bis 12000 Likes auf Facebook gehabt. „Erstaunlicherweise gibt es Brennpunkte nicht nur an den erwartbaren Orten, sondern auch in der Provinz“, sagt Difraoui. Er nennt das Beispiel Lunel, eine Kleinstadt in der Nähe von Montpellier: Fünf Personen von dort seien in Syrien umgekommen.

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