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Ukrainer über ihr Land : Wie kann man mit dem Krieg leben?

  • Aktualisiert am

Jeder hat seinen eigenen Blick auf den Krieg im Osten der Ukraine. Bild: Illustration Anatoliy Belov

Der Krieg hat fast alle Ukrainer getroffen. Doch wie kann man damit leben, wenn das eigene Haus zerstört wurde oder eine Rückkehr in die Heimat unmöglich ist? Junge Ukrainer schreiben über ihr Land.

          5 Min.

          Fast alle Menschen in der Ukraine wurden von dem Krieg, der im Osten ihres Landes herrscht getroffen. Einige hatten direkten Kontakt mit den militärischen Auseinandersetzungen, weil ihr Haus zerstört wurde. Andere leiden aus der Ferne indirekt mit. Doch jeder hat seine ganz eigene Art, mit den Ereignissen umzugehen. Im fünften und letzten Teil  der FAZ.NET-Serie „Stereoscope Ukraine“ beschreiben unsere Gastautoren, wie sie mit der Situation zurecht kommen. Wie in allen fünf Beiträgen stellt die Künstlerin und Schriftstellerin Yevgenia Belorusets die Frage und die Gastautoren - ukrainische Blogger, Wissenschaftler und Journalisten - antworten.

          „Steroscope Ukraine“ ist ein Projekt von FAZ.NET in Zusammenarbeit mit dem Journalisten-Netzwerk „N-Ost“, dass sich einer Verbesserung der Berichterstattung über Osteuropa zum Ziel gesetzt hat. Die Beiträge werden auch bei dem Online-Magazin von „N-Ost“ „Ostpol“ sowie den internationalen Partnern „Colta.ru“ (ein russisches, spenden-finanziertes Online-Magazin), „Tygodnik Powszechny“ (eine renommierte polnische Wochenzeitung) und „Transitions online“ (ein spenden-finanziertes Online-Magazin) veröffentlicht.

          Yevgenia Belorusets

          Die Splitter der Erinnerung an die Ereignisse des vergangenen und diesen Jahres fügen sich nicht zu einem historischen Panorama. Sie lagern sich weiter aufeinander ab, und niemand kann es sich leisten, auf Abstand zu bleiben. Aus Protest und Krieg, die alle gemeinsam betreffen, erwächst so die persönliche Geschichte eines jeden einzelnen.

          „Stereoscope Ukraine“ : Yevgenia Belorusets stellt sich vor

          Welche persönlichen Strategien helfen Ihnen, mit der entstandenen Situation und dem Krieg umzugehen?

          Ivan Yakovina

          Mit dem Krieg, der seit fast einem Jahr in der Ostukraine herrscht, kann ich mich einfach nicht abfinden. Ich bin einerseits ein in Moskau geborener Bürger Russlands und andererseits ein ethnischer Ukrainer, der in Lwiw lebt und arbeitet. Meine Gefühle liegen ständig im Widerstreit miteinander. Um in dieser Situation nicht verrückt zu werden, musste ich auf größtmögliche Distanz gehen und zum neutralen Beobachter werden, der nur Fakten festhält.

          „Stereoscope Ukraine“ : Ivan Yakovina stellt sich vor

          Dennoch empfinde ich angesichts eines Frontverlaufs, der die Grenze zu Zerstörung und Tod markiert und sich zugleich mitten durch mein Bewusstsein zieht, ununterbrochen einen dumpfen Schmerz. Er wird erst wieder aufhören, wenn der Krieg ein Ende gefunden hat. Darauf wiederum ist nur zu hoffen, wenn der Mann entmachtet wird, dessen Ideen und Geld den Krieg in erster Linie befeuern: Wladimir Putin. Zu diesem Menschen fällt mir, fürchte ich, kein gutes Wort mehr ein, und mein objektiver Blick versagt. In meiner zutiefst persönlichen Wahrnehmung ist er der Krieg, der unbedingt  beendet werden muss, indem man die eigentliche Ursache des immer größeren Schmerzes beseitigt.

          Boris Chersonskij

          Von außen betrachtet hat sich das Leben seit Beginn des Krieges wenig geändert. Die Last der Alltagssorgen ist gewachsen, aber nicht so, dass es einen in die Knie zwänge. Mein Tag läuft kaum anders ab als in Friedenszeiten. Meine Tätigkeiten - Unterrichten, Schriftstellerei, Psychotherapie  - sind dieselben wie zuvor. Im Terminkalender stehen nicht weniger literarische Treffen und Reisen als 2013. Man hat das Jahr 1913 immer wieder als Vergleichspunkt herangezogen. Ob dies künftig wohl für das Jahr 2013 gelten wird?

          „Stereoscope Ukraine“ : Boris Chersonskij stellt sich vor

          Wenn es Veränderungen gegeben hat, so betreffen sie das Innenleben. Sie haben ein gewisses Grundgefühl von Sinnlosigkeit und Leere herbeigeführt. In Zeiten des Krieges scheint einem alles, was man tut, banal und weder für das Land noch für die Freunde noch für einen selbst wirklich von Nutzen. Zuweilen erliegt man der Illusion oder der gewohnheitsmäßigen Fortführung eines friedlichen, sinnvollen Lebens. Und noch etwas: Man begreift, dass die einzige mögliche Form des Widerstandes darin besteht, sich selbst treu zu bleiben - ein Widerstand, der aus dem schöpft, was den Menschen ausmacht.

          Olena Stepova

          Nach einem Jahr Krieg bin ich der verbrannten Steppe von Donezk ähnlich geworden. Aus zerstörter Landschaft richten sich meine Gedanken müde auf einen verrauchten Himmel. Dunkle Krater, Schützengräben, verbranntes technisches Gerät, Verrat, Schmerz, Angst und der Wunsch zu überleben: Das sind die Narben, die die Steppe davongetragen hat, und es sind auch die meinen.

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