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Ukrainer über ihr Land : Führt „Patriotismus“ zur Selbstzensur?

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Viele Menschen haben daran mitgewirkt, patriotische Gefühle in der Ukraine zu verbreiten. Bild: Illustration Anatoliy Belov

Der Krieg in der Ostukraine hat den Patriotismus im Rest des Landes verstärkt. Doch droht damit eine Einschränkung von journalistischer Ausgewogenheit und Unabhängigkeit? Der dritte Gastbeitrag der FAZ.NET-Serie „Stereoscope Ukraine“.

          In der dritten Folge unserer fünfteiligen Reihe „Stereoscope Ukraine“ setzen sich ukrainische Blogger, Wissenschaftler und Journalisten mit der Frage auseinander, ob patriotischen Gefühle der Ukrainer und der Krieg in der Ostukraine zu einer Selbstzensur führen. Wie in allen fünf Beiträgen stellt die Künstlerin und Schriftstellerin Yevgenia Belorusets die Frage - die Gastautoren antworten.

          „Steroscope Ukraine“ ist ein Projekt von FAZ.NET in Zusammenarbeit mit dem Journalisten-Netzwerk „N-Ost“, dass sich einer Verbesserung der Berichterstattung über Osteuropa zum Ziel gesetzt hat. Die Beiträge werden auch bei dem Online-Magazin von „N-Ost“ „Ostpol“ sowie den internationalen Partnern „Colta.ru“ (ein russisches, spenden-finanziertes Online-Magazin), „Tygodnik Powszechny“ (eine renommierte polnische Wochenzeitung) und „Transitions online“ (ein spenden-finanziertes Online-Magazin) veröffentlicht.

          Yevgenia Belorusets

          Ausgangspunkt eines jeden Gesprächs über die Ukraine ist heute der Krieg, der mittlerweile nahezu alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Vor wenigen Tagen wurde in Russland der Oppositionspolitiker Boris Nemzow ermordet. Auch er fiel jener Kriegsmaschine zum Opfer, die in der Ukraine täglich Menschenleben vernichtet. Der Mord an ihm stellt einen beispiellosen Angriff auf die russische Oppositionsbewegung dar.

          Unterdessen kann man in der Ukraine nur noch in wenigen größeren Städten ganz in Sicherheit leben. Es ist noch keinen Monat her, dass Unbekannte in Odessa einen Anschlag auf die Wohnung eines Mannes verübten, der an diesem Publikationsprojekt mitwirkt – auf die des Dichters Boris Chersonskij. Wir hören auch von Anschlägen in Charkiw und Kiew. Alle diese Explosionen kann man als Terror bezeichnen, und sie sind von russischen oder prorussischen Kräften organisiert. Auf diese Weise versucht die heutige russische politische Zensur in einem fremden Land zu operieren. Aber gibt es auch eine ukrainische Zensur oder eine Selbstzensur? Können wir noch gegen den Strom reden und denken? Oder ist der Krieg zu unserem inneren Zensor geworden, dem wir zuarbeiten, ohne uns dessen stets bewusst zu sein?

          Anders gefragt: Droht eine „patriotische“ Selbstzensur zu vernichten, was Janukowitsch und sein Unterdrückungsapparat nicht bezwingen konnten?

          Ivan Yakovina

          Immer häufiger müssen ukrainische Journalisten feststellen, dass die Freiheit des Wortes und der Information in ihrem Land spürbar ausgehöhlt wird. Nicht, weil etwa offizielle Stellen gegen unabhängige Medien vorgingen – das ist nicht der Fall. Das Problem liegt vielmehr in einem ausgeprägten gesellschaftlichen Bedürfnis nach guten Nachrichten – und in der unbewussten Bereitschaft vieler Medien, diese Nachfrage zu bedienen, und zwar teilweise unter Missachtung journalistischer Standards.

          Ivan Yakovina ist Journalist der in Lwiw lebt und in Kiew arbeitet.

          In der Medienlandschaft wird fortlaufend ein weltanschaulicher Konflikt ausgetragen. Die einen Journalisten beharren darauf, dass selbst unter den Bedingungen einer Aggression von außen uneingeschränkte Objektivität geboten sei, während den anderen für einen baldigen Sieg im Donbass jedes Mittel recht ist, Unehrlichkeiten im Informationskrieg nicht ausgeschlossen.

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