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Syriza-Partei : Mit Marx und Spartakus gegen das System

Starker Körper, kluger Geist: Spartakus kämpfte erst auf Seiten der Römer, wurde dann versklavt und als Gladiator verkauft. Historische Bedeutung erlangte er als Anführer eines nach ihm benannten Sklavenaufstandes (Archivbild aus der Serie „Spartacus - Blood and Sand“, Schauspieler Andy Whitfield) Bild: © 2010 Starz Entertainment

Stellen Sie sich vor, die Grünen wären 1980 Kanzler geworden. Dann verstehen Sie Syriza etwas besser. Mit ihr träumt Europas radikale Linke vom Sturm auf alte Zentren der kapitalistischen und neoliberalen Macht.

          In jeder Vogelscheuche schlummert das Grauen. Deshalb konnte der erstaunliche Aufstieg zweier Provinzjuristen, Robespierre und Saint-Just, im Guillotinen-Terror der Französischen Revolution enden. Auch beim Sturm auf die Bastille war es um drohenden Staatsbankrott gegangen. Heute träumt die radikale Linke wieder vom Sturm, diesmal auf den Turm der Europäischen Zentralbank. Auch die Zentralen des „Kapital-Parlamentarismus“ sollen fallen - so werden die europäischen Demokratien in diesen Zirkeln genannt. Beim deutschen „Institut Solidarische Moderne“ wurden die Demonstrationen gegen die europäischen Spardiktatoren als Wendepunkt der Geschichte gefeiert und ein „gesunder Anarchismus der Empörten“ bejubelt. Wer das anders sieht, wie sämtliche sozialdemokratische Parteien und Regierungen in Europa, steckt noch im „Korsett des letzten Jahrtausends“, beklagte ein Moderne-Autor.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Zum Leidwesen der biederen Organisatoren stabiler Verhältnisse hat es der „gesunde Anarchismus“ inzwischen bis in die Ministerräte und an die europäischen Verhandlungstische geschafft. Jürgen Trittin von den Grünen schlägt vor: Um zu verstehen, was passiert ist, solle man sich vorstellen, ein Grüner wäre 1980 Bundeskanzler geworden. Au weia. Andere fühlen sich an Studenten-Streiks der achtziger Jahre erinnert. Die Anführer, die damals in roten Reden flammten, waren vorher nie als emsige Bibliotheksbesucher oder Seminarteilnehmer aufgefallen. Sie schienen aus dem Nichts zu kommen oder vom Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB Spartakus). Als der Streik vorbei war und alle wieder in ihre Seminare zurückkehrten, verschwanden diese Studentenführer von der Bildfläche, spurlos.

          Nein, nein, nein: Mit Alexis Tsipras und seiner Syriza-Partei träumt Europas radikale Linke von der Rebellion

          Wobei auffällt, dass der Gladiator Spartakus, der sich in der Antike gegen das Kettendiktat Roms erhoben hatte, möglicherweise auch schon Grieche war. Heute verkörpern Alexis Tsipras und uns sein nach dem Referendumstriumph zurückgetretener Finanzminister Iannis Varoufakis den Befreiungschic der Gegenwart: Tsipras hat die Krawatte abgeworfen wie der Sklave seine Kette, Varoufakis nutzte in den fünf Monaten Amtszeit sein Motorrad als Statussymbol unbändiger Freiheit. Allerdings handelt es sich bei näherem Hinsehen um eine Yamaha FJR, ein Motorrad mit dem uniformen Charme japanischer Solidität. Peter Hintze von der CDU nennt das „Outlaw-Gehabe“. Aber auch Niels Annen, immerhin selbst einmal sehr links und Juso-Vorsitzender, findet solche „Distinktionsmerkmale“ öde. Schon Kanzler Schröder habe ohne Krawatte im Bundestag gesprochen. Lange her.

          Von der Würde des griechischen Volkes

          Mit ihrem revolutionären Kitsch sind Tsipras und seine Genossen nicht nur eine spätspartakistische Avantgarde geworden, sondern auch eine reale Gefahr für das Alteuropa der Nachkriegszeit. Sie haben einen neuen, geringschätzigen Jargon in die europäische Spitzendiplomatie eingeführt, etwa als Varoufakis den Geldgebern „finanzpolitisches Waterboarding“ vorhielt und ihnen den Mittelfinger entgegenstreckte. Mit großer Geste warf Tsipras die Troika aus dem Land und forderte Brüssel heraus: Spartakus Tsipras.

          Alexis Tsipras im Mai 2006 - 31 Jahre alt, als er als Athener Bürgermeister kandidierte

          Fünf Monate später flieht er in Nationalpathos. Als verglühten die fruchtbaren Olivenhaine des Peloponnes unter dem Feuer der Feinde, als stünden Kampfpanzer vor Athen, twitterte der Regierungschef den Völkern der Welt: „Die Würde des griechischen Volkes im Angesicht von Erpressung und Unrecht sendet eine Botschaft der Hoffnung und des Stolzes nach ganz Europa.“ Solche Rotfront-Mitteilungen befremden deutsche Sozialdemokraten. „Nur nein zu sagen ist noch kein emanzipatorisches Projekt“, sagt Niels Annen, heute einer der Sprecher der Parteilinken im Bundestag. Annen behauptet: „Wenn ich die Jusos so geführt hätte, wäre der Laden nicht mehr da.“

          In Athen wurde derweil noch eins draufgelegt. „Die Völker Europas stehen zu uns und marschieren in Solidarität mit griechischen Flaggen“, verkündete Tsipras. Das klang wie kommunistische Parteilyrik: „Es geht um die Erde ein rotes Band, das hält uns zusammen durch jedes Land“, sang schon die DDR-Jugend. Viele Parteifreunde von Tsipras marschierten allerdings nicht mit, sie standen vor den Geldautomaten an.

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