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Steinmeier in Russland : Balanceakt in der „Stadt der Helden“

  • -Aktualisiert am

Nach dem Gedenken: Außenminister Steinmeier verlässt den Mamajew-Hügel im Stadtzentrum Wolgograds. Bild: AP

Gemeinsam gedenken der deutsche und der russische Außenminister im ehemaligen Stalingrad des Kriegsendes vor 70 Jahren. Jeder bringt seine Erinnerungskultur mit – und seine Deutung der gegenwärtigen Krise.

          Wolgograd steht ganz im Zeichen des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Entlang der Hauptstraßen und auf den Plätzen des ehemaligen Stalingrads hängen kleine rote Fahnen mit gelbem Stern, die Embleme der einstigen Roten Armee. Russische Soldaten marschieren im Paradeschritt und junge Frauen tragen die Uniformen aus Sowjetzeiten: Russland im Retro-Stil.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Am Donnerstagabend steht der deutsche Außenminister auf einer Bühne auf dem „Platz der gefallenen Kämpfer“. Vor einem „Friedenskonzert“ der Wolgograder und Osnabrücker Symphoniker richtet Frank-Walter Steinmeier einige Worte an die Bürger der Stadt, die für Russen und Deutsche wie keine andere für die Gräuel und das Leid des Zweiten Weltkriegs steht. „Wolgograd ist die Stadt der Helden“, sagt er. Jener Helden, die die erste entscheidende Wende des Krieges vollbracht und die Befreiung Europas vom Nazi-Joch begonnen hätten. Als er über die Opfer spricht und sagt, er bitte „um Vergebung für das maßlose Leid“, das Deutsche in deutschem Namen anderen zugefügt hätten, brandet spontan Applaus auf.

          Es ist ein schwieriger Besuch Steinmeiers in Russland, der erste eines deutschen Außenministers in Wolgograd – inmitten der Ukraine-Krise. Die Bundeskanzlerin und er haben sich vorgenommen, das Gedenken nicht vom gegenwärtigen Konflikt überschatten zu lassen. Deshalb bleiben sie der Militärparade am Roten Platz in Moskau am Samstag fern – und suchten sich andere Orte des Erinnerns: Steinmeier hier am Unterlauf der Wolga, Angela Merkel am 10. Mai am Grabmal des unbekannten Soldaten in der russischen Hauptstadt.

          Steinmeier begann seinen eintägigen Besuch in der Kriegsgräberstätte Rossoschka, wo er gemeinsam mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow Kränze niederlegte. Das heißt: Steinmeier legte Kränze nieder - sowohl auf dem sowjetischen als auch auf dem deutschen Soldatenfriedhof, unweit der Rotunde, in der 56.000 Deutsche ihre letzte Ruhe gefunden haben und die symbolisch für den „Kessel von Stalingrad“ steht. Lawrow legte nur auf dem sowjetischen Friedhof einen Kranz nieder. Eine gemeinsame Erinnerungskultur gibt es nicht. Noch nicht? Wegen der deutschen Schuld? Nicht mehr? Wegen des Ukraine-Konfliktes? Es ist wohl eine Mischung.

          Lawrow hofft auf Normalisierung

          Nicht nur für Steinmeier, auch für Lawrow  ist der Besuch in Wolgograd ein Balanceakt. An die Vorgaben, die der Kreml auch in der politischen Symbolik macht, hat auch er sich zu halten. Auch auf dem Mamajew-Hügel im Stadtzentrum, wo die riesige Statue „Mutter Heimat ruft“ die Gedenkstätte überragt, verzichten beide auf innige Gesten. Im Pantheon, wo die Außenminister ein weiteres Mal Kränze mit weißen und roten Nelken niederlegen, stehen die beiden starr nebeneinander. Ein Händehalten wird nicht erwogen.  

          Nach einem Gespräch der beiden Außenminister stellen sie sich später den Journalisten. Steinmeier sagt, das Gedenken an der Seite Lawrows sei „trotz und gerade wegen der Ukraine-Krise wichtig“ – so schwierig es auch sein möge und so sehr beide in manchen Dingen ganz unterschiedlicher Auffassung seien. Lawrow bemerkt, das, „was wir auf Stalingrader Boden gesehen haben, werden wir nie vergessen“. Eine solche Tragödie dürfe sich nie wiederholen. Und dann schlägt er einen Bogen zur Gegenwart. Deutschland sei „der wichtigste Partner Russlands in europäischen und internationalen Angelegenheiten“. Er setze große Hoffnung in das Gespräch, das Merkel mit Präsident Wladimir Putin führen werde.

          Es ist eindeutig: Lawrow erhofft sich nun bald eine allmähliche Normalisierung der Beziehungen. Schließlich, so seine Lesart, unterstütze Moskau die Umsetzung die Minsker Vereinbarung zur Beilegung der Ukraine-Krise, wohingegen Kiew sich „gelinde gesagt“ sehr passiv verhalte. Im Moment schaffe man es zumindest, sich „millimeterweise“ nach vorn zu bewegen. So unterschiedlich können die Perspektiven sein. Auf eine – eigentlich an Steinmeier gerichtete - Frage, ob das gemeinsame Gedenken in die Zeit passe, sagt der Russe, nach Kiew würden westliche Vertreter doch auch fahren.

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