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Spitzelvorwürfe gegen Walesa : Bolek und die Akten des Generals

Heimlicher Denunziant? Walesa 1983 in der Leninwerft in Danzig Bild: AP

Abermals sind Vorwürfe gegen den polnischen Friedensnobelpreisträger Lech Walesa aufgetaucht, er soll für den Geheimdienst spioniert haben. Dieses mal soll es Beweise geben.

          Als General Czeslaw Kiszczak im November vergangenen Jahres starb, war er ein Mann der Vergangenheit, ein Mann, über den das Urteil der Geschichte gesprochen war. Er erhielt kein Grab auf dem militärischen Teil des Warschauer Ehrenfriedhofs Powazki, kein offizieller Vertreter des Verteidigungsministeriums kam zu seinem Begräbnis. Kiszczak war einmal einer der mächtigsten Männer Polens, doch die letzten fünfundzwanzig Jahre seines Lebens verbrachte er mit vergeblichen Versuchen, vor Gericht seine Ehre zu verteidigen. Als nach endlosen Prozessen wenige Monate vor seinem Tod ein Urteil endgültig rechtskräftig wurde, das ihn für schuldig befand, als Mitglied einer bewaffneten kriminellen Vereinigung Verbrechen gegen das polnische Volk begangen zu haben, interessierte das kaum noch jemanden. Verurteilt wurde Kiszczak, weil er als Innenminister in der Militärjunta, die im Dezember 1981 das Kriegsrecht über Polen verhängte, für die Internierung der Führung der Demokratiebewegung Solidarność und die brutale Niederschlagung von Streiks verantwortlich war.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Doch nun, drei Monate nach seinem Tod, wird so viel über Kiszczak gesprochen, wie schon lange nicht mehr. Schuld daran ist ein Paket mit Akten aus seinem Nachlass, deren Inhalt dazu führen kann, dass die neuere Geschichte Polens neu geschrieben werden muss – wenn sie echt sind und ihr Inhalt wahr ist: Die Akten sollen dokumentieren, dass Solidarność-Führer Lech Walesa als geheimer Mitarbeiter unter dem Decknamen „Bolek“ für den kommunistischen Geheimdienst Mitstreiter in der Opposition denunziert und dafür Geld erhalten haben soll. Der Mann, den die halbe Welt mit der Überwindung der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa verbindet, soll im Dienste des Unterdrückungsapparates gestanden haben.

          Der Verdacht ist nicht neu – er ist seit mehr als 30 Jahren in der Welt. Bewiesen worden ist er aber bisher nicht. Polnische Gerichte und das „Institut für Nationales Gedenken“ (IPN), das für die wissenschaftliche und die strafrechtliche Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in Polen zuständig ist, haben Walesa in den vergangenen Jahren vielmehr mehrmals bescheinigt, er sei kein Zuträger, sondern ein Opfer der kommunistischen Geheimdienste.

          Aber vor allem unter polnischen Rechten hat die These, Walesa sei ein kommunistischer Spitzel gewesen, viele Anhänger. Das passt zu der in diesen Kreisen ebenfalls weit verbreiteten These, der 1989 am „Runden Tisch“ zwischen den kommunistischen Machthabern und der Solidarność ausgehandelte Übergang zur Demokratie sei in Wirklichkeit nur eine Inszenierung gewesen, mit der die alten Eliten sich die Macht gesichert hätten. In der nationalkonservativen Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) sind solche Vorstellungen Allgemeingut – sie werden auch vom PiS-Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski vertreten, der in den achtziger Jahren ein enger Mitarbeiter des Solidarność-Führers war.

          Mehrmalige Treffen mit Geheimdienstoffizieren

          Die Vorwürfe reichen zurück in den Dezember 1970. Damals reagierten in Danzig Werftarbeiter auf drastische Erhöhungen der Fleischpreise mit spontanen Demonstrationen und Streiks, bei deren Niederschlagung durch die Streitkräfte mehr als vierzig Menschen getötet wurden. Unter den Anführern der Proteste war der damals 27 Jahre alte Elektriker Lech Walesa, der auf dem Höhepunkt der Unruhen festgenommen wurde. Es ist erwiesen und von Walesa nie bestritten worden, dass er bei der Entlassung nach vier Tagen Arrest eine Quittung über die Rückgabe seines Hosengürtels und seiner Schnürsenkel, ein Verhörprotokoll und eine sogenannte „Lojalka“ unterzeichnet hat. Ohne die Unterschrift unter diese Loyalitätserklärung wäre der junge Familienvater nicht frei gekommen: „Sie haben die Bedingung gestellt: Unterschrift! Und dann habe ich unterschrieben“, schreibt Walesa in seiner 2007 erschienenen Autobiographie. Damals wurde vom Geheimdienst auch der operative Vorgang „Bolek“ angelegt – das ist ebenfalls belegt.

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