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Spitzelvorwürfe gegen Walesa : Bolek und die Akten des Generals

In den folgenden Jahren hat sich Walesa mehrmals mit Offizieren der Staatssicherheit (SB) getroffen, über die Stimmung unter den Werftarbeitern berichtet. Der Historiker Andrzej Friszke, einer der besten Kenner der Geschichte der polnischen Opposition, erklärt das damit, dass Walesa unter dem Eindruck des Blutvergießens vom Dezember 1970 geglaubt habe, weitere Protestaktionen seien sinnlos und gefährlich, und er könne zur Verbesserung der sozialen Lage beitragen, wenn er die Staatssicherheit auf reale Spannungen hinweise. „Das war Naivität und ein Fehler“ schreibt Friszke.

Die letzte dieser dokumentierten Begegnungen hat im November 1974 stattgefunden. Danach hat ein SB-Mitarbeiter laut den von Friszke zitierten Akten notiert, Walesa sei mehrmals auf sein „unverantwortliches Verhalten“ – öffentliche Kritik an der Werftführung – angesprochen worden, „aber das hat bisher keine Wirkung gezeigt“. Im weiteren Verlauf der siebziger Jahre war Walesa immer wieder Repressionen ausgesetzt.

Dokumente nach Oslo

Die Akten aus dem Nachlass des Kriegsrechts-Generals Kiszczak sollen nun den Beweis dafür bringen, dass Walesas Zusammenarbeit mit dem SB viel weiter gegangen ist. Nach einer ersten Durchsicht wurden sie von Archivaren des IPN als authentisch bezeichnet. Ob sie bei ihrem Urteil ganz neutral waren, wird indes von manchen bezweifelt. Die Autoren eines Buches, in dem aufgrund der bisher bekannten Akten die These vertreten wurde, Walesa habe als „Bolek“ Spitzeldienste geleistet, waren Mitarbeiter des Instituts.

Historiker wie Andrzej Friszke (der dem Beirat des IPN angehört) und einstige Mitstreiter Walesas freilich verweisen darauf, dass die Gerüchte, Walesa sei SB-Mitarbeiter gewesen, bald nach Verhängung des Kriegsrechts Ende 1981 vom Geheimdienst selbst in die Welt gesetzt worden seien. Das war Teil einer Kampagne mit dem Ziel, den internierten Gewerkschaftsführer zu diskreditieren und so die im Untergrund wirkenden Teile der Opposition zu demoralisieren.

Als Walesa für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, wurden dem Nobelkomitee in Oslo entsprechende Dokumente zugespielt. Es ist belegt, dass es in den achtziger Jahren im SB eine Einheit gab, deren einzige Aufgabe es war, kompromittierendes Material über Walesa zu produzieren. Dass Walesa 1983 dennoch den Friedennobelpreis bekam, war aus Sicht der Machthaber eine schwere Niederlage.

Walesa rief zu Mäßigung auf

Doch radikale Solidarnosc-Aktivisten schenkten den Gerüchten Glauben – in ihren Augen lag darin die Erklärung dafür, warum Walesa in den Monaten vor der Verhängung des Kriegsrechts immer wieder zur Mäßigung aufgerufen hatte. In diesen Kreisen wird mit Walesas angeblichen Verstrickungen auch begründet, warum die Solidarnosc-Führung nach 1989 gegen eine radikale Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit eintrat. Als der heutige PiS-Verteidigungsminister Antoni Macierewicz 1992 eine Liste mit kommunistischen Agenten veröffentlichte (und damit versehentlich die Regierung zu Fall brachte, in der er Innenminister war), stand „Bolek“ auf dieser Liste.

Seither ist die Einstellung zu Walesa eine wichtige Trennlinie in den Reihen der einstigen Opposition. Walesa war nach 1990 zwar auch mit den liberalen und linken Kräften der Solidarnosc in Streit geraten, doch wurden aus ihren Reihen nie an seiner persönlichen Integrität im Kampf gegen die Diktatur Zweifel geäußert. Wladyslaw Frasyniuk, in den achtziger Jahren einer der wichtigsten Führer der Untergrund-Solidarnosc, sagte am Donnerstag: Selbst wenn Walesa geheimer SB-Mitarbeiter gewesen sein sollte, sich davon aber dann frei gemacht habe, „dann ist das ein Beweis für die Kraft, von jener dunklen Macht zur hellen Seite überzugehen“. Hätte Walesa wirklich für den SB gearbeitet, so Frasyniuk, „dann hätte die Solidarnosc nicht gewonnen.“

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