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Spanier und Portugiesen : Ein Herz für Griechenland

  • -Aktualisiert am

„Null Einschnitte“: spanische Sympathiekundgebung für Griechenland Ende Juni in Madrid Bild: Reuters

Den beiden konservativen Regierungschefs in Spanien und Portugal steht das Wasser bis zum Hals. Sie gehören zu den schärfsten Kritikern der griechischen Regierung. In der Bevölkerung der Iberischen Halbinsel will aber keine Empörung aufkommen.

          Die Schlagzeilen, die Fernsehnachrichten sowie die Gespräche in Bars wurden in der vergangenen Woche auch in Spanien und Portugal vom „Grexit“ beherrscht. Doch anders als im europäischen Norden, wo ständig von Spielregeln und Gerechtigkeit die Rede war, wollte im Süden keine Empörung aufkommen. Beide Länder haben selbst ein ziemlich intaktes Feindbild namens Troika. Dass diese erst Portugal mit 78 Milliarden Stütze vor dem Staatsbankrott retten musste und hernach die maroden spanischen Banken mit einer Kreditspritze von 42 Milliarden, hat nicht zu einem Gefühl ewiger Dankbarkeit geführt - im Gegenteil.

          Schließlich mutet das griechische Schuldengespenst einem guten Teil der iberischen Bevölkerung recht abstrakt an. Sogar die große Krise der vergangenen sechs Jahre hat die Mentalität nicht entscheidend verändert. Weiß zum Beispiel der einfachste Amerikaner, dass seine Regierung keinen Dollar ausgeben kann, den er nicht vorher dem Steuerzahler aus der Tasche gezogen hat, so ist das an der südlichen Peripherie nicht der Fall. Hier überwiegt die Vermutung, dass die Regierung über Gelder aus einer großen Grauzone verfüge, die sie einfach nur besser, sozialer und gerechter mit den Leuten teilen sollte.

          So fielen die Reaktionen auf das griechische Debakel, Tsipras´ verzweifelte Manöver und das für Sonntag angesetzte Referendum auffallend weich aus. Insbesondere bei den Fernsehsendern bestanden Berichterstattung und Kommentierung häufig nur aus larmoyanten Stimmungsbildern mit Bankschalterszenen, welche - der moralische Zeigefinger zeigte nach Brüssel - doch offenbarten, dass dunkle Finanzmächte und uneinsichtige Politiker reicher Länder unendliche Not auslösten. Mancher Portugiese und mancher Spanier glaubte, bei jedem rhetorischen „Ultimatum“ der Institutionen selbst Reform-Phantomschmerzen zu spüren.

          Die Ministerpräsidenten in Madrid und Lissabon, Mariano Rajoy und Pedro Passos Coelho, äußerten sich nur knapp. Erst kurz vor dem Referendum traute sich Rajoy aus der Reserve, stellte sich hinter Bundeskanzlerin Merkel und sagte, es wäre gut, wenn Tsipras die Abstimmung „verliere“.

          Den beiden konservativen Regierungschefs steht selbst das Wasser bis zum Halse. Sowohl in Portugal, wo voraussichtlich im Oktober gewählt wird, als auch in Spanien, wo wahrscheinlich im Dezember gewählt wird, ist es keineswegs sicher, dass das abschreckende Beispiel Griechenland die Bürger hinreichend schocken wird, um die Konservativen an der Macht zu halten. Dabei könnte man den Wählern durchaus noch etwas eindringlicher erklären, dass auch sie zu den Gläubigern der Griechen gehören. Beispiel: Von den 270 Milliarden Euro griechischer Staatsschulden aus den ersten Hilfsprogrammen entfallen allein 26 Milliarden in Form von Krediten oder Kreditzusagen auf Spanien. Die Griechen schulden also jedem einzelnen Spanier rund sechshundert Euro. Doch das ist für viele eine Phantasiezahl. Die eher der Linken zuneigenden Schauspieler, Literaten und Intellektuellen sagen sinngemäß, sie würde diesen lächerlichen Betrag doch gern den Griechen erlassen, allein schon für das Geschenk der Demokratie.

          Zwei politische Welten prallen da aufeinander: Der spanische Ministerpräsident warnte seine Landsleute vor dem Tandem „Syriza-Podemos“ hob seine „seriöse und erfolgreiche Reformpolitik“ von den Athener Winkelzügen ab. Der Sozialistischen Arbeiterpartei, die seit den Regional- und Kommunalwahlen vielerorts mit Podemos paktiert, wurde zunehmend unwohl. Ihre Wirtschaftssprecher nannten das griechische Referendum „unverantwortlich“ und vertraten die Ansicht, dass am Ende jedes Mitglied der Währungsunion seine Schulden selbst bezahlen müsste. Da schwang eine Spur historischer Stolz mit. Schließlich war es vor genau dreißig Jahren eine sozialistische Regierung war, die Spanien in die Europäische Union geführt hat.

          Linksaußen nahm Podemos seine Zwillingspartei Syriza in Schutz. Podemos rühmte Tsipras als „beispielhaften“ Demokraten und geißelte die „europäischen Eliten“ dafür, dass sie gegenüber Griechenland „besonders grausam“ seien. Der neue linkspopulistische Bürgermeister von Saragossa hisste zum Zeichen der Solidarität sogar die griechische Flagge über dem Rathaus. Bei Podemos wurden Tsipras´ Volten anfangs noch als „picaresca“ (Gaunerei) verbucht. Klammheimlich wurde dessen Unverfrorenheit bewundert. Aber dann wurde der Podemos-Führung bewusst, dass die vorbehaltlose Unterstützung von Syriza sie Stimmen kosten könnte. Plötzlich nahm die Protestpartei den Slogan Rajoys „Spanien ist nicht Griechenland“ auf und versicherte, dass sie im Falle eines Wahlsieges keinen Schuldenschnitt verlangen werde.

          Vor den Wahlen am Jahresende stehen sich in Spanien zwei Blöcke aus je zwei Parteien gegenüber: Nach Umfragen hat die Kombination Sozialisten/Podemos einen leichten Vorteil vor der Volkspartei und den Ciudadanos. In Portugal herrscht ein Patt zwischen der regierenden bürgerlich-konservativen Koalition von Passos Coelho und den oppositionellen Sozialisten. Eine neue linkspopulistische Bewegung gibt es dort nicht. Dafür aber zwei kommunistische Parteien, die sogar die Sozialisten für nicht geschäftsfähig halten.

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