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Putsch in Spanien von 1981 : War der König der weiße Elefant?

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Mitternächtliches Bekenntnis zur Verfassung: König Juan Carlos Bild: picture-alliance/ dpa

Ein Buch über die Rolle von Juan Carlos beim Putschversuch 1981 sorgt für Aufregung in Spanien: Der König selbst soll die treibende Kraft hinter der Verschwörung gegen den Ministerpräsidenten gewesen sein.

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          Adolfo Suárez, Spaniens erster frei gewählter Ministerpräsident nach der Franco-Diktatur, ruht seit gerade einer Woche in der Kathedrale von Ávila und hat nun schon einen Nachruf erhalten. Pilar Urbano, Biografin von König Juan Carlos und Königin Sofía, präsentierte am Donnerstag in Madrid ihr Enthüllungsbuch mit dem Titel: „Das große Vergessen – Was Suárez vergaß und woran sich der König lieber nicht erinnert“.

          Die Kernthese in diesem achthundert Seiten umfassenden Rückblick auf die heikelste Phase der damals noch jungen Demokratie, den Putschversuch franquistischer Militärs am 23. Februar 1981, ist unerhört: Die These lautet, dass der König, der den von ihm ernannten Regierungschef plötzlich mit Macht wieder loswerden wollte, aus Suárez’ Sicht – zumindest in den Anfängen – selbst die treibende Kraft hinter der Verschwörung war. Der Bourbone sei also der, bislang von vergleichsweise zahnlosen Historikern nur geisterhaft erahnte, aber niemals dingfest gemachte „weiße Elefant“ gewesen.

          Nun kommt für den Monarchen und zuletzt glücklosen Großwildjäger alles, was mit Elefanten zu tun hat, höchst ungelegen. Dieses Buch ist da keine Ausnahme. Und noch pikanter wird es dadurch, dass der an den Folgen der Alzheimer-Krankheit gestorbene Suárez gerade zusammen mit dem König als das zupackende Paar in das kollektive Gedächtnis zurückgerufen wurde, das erst den Weg in die Demokratie bereitete und sie dann in höchster Not auch noch rettete.

          Mit gezogener Pistole: Der Putschist Antonio Tejero Molina am Rednerpult des spanischen Parlaments

          Der Buchtitel ist keine sehr subtile Anspielung auf die zehn Jahre währende Krankheit des einen und das Schweigen des anderen. Pilar Urbano, die sich auf zahlreiche namentlich genannte Quellen aus der Umgebung beider Männer stützt, schildert die Ereignisse, die erst zu Suárez Rücktritt in jenem turbulenten Jahr führten und wenig später mit dem Sturmangriff des Oberstleutnants der Guardia Civil, Antonio Tejero, auf das Parlament ihren gefährlichen Höhepunkt erreichten.

          Ziemlich stümperhaftes Unternehmen

          Nach ihrer Darstellung hielt der König seinen Ministerpräsidenten angesichts des massiven Drucks der politischen Rechten und der Militärs, einer lastenden Wirtschaftskrise und unablässiger Terroranschläge von Eta, für nicht länger haltbar. Unter den Einflüsterungen des Generals Armada, seines früheren Ausbilders und Mentors in den Streitkräften, dachte Juan Carlos an die Bildung einer neuen Regierung der nationalen Einheit – eventuell schon unter Einschluss des Sozialisten Felipe González – und suchte vor allem einen Ersatz für Suárez. Dieser wollte aber angeblich nicht freiwillig weichen und wurde erst nach harten persönlichen Auseinandersetzungen mit dem König zum Abgang gezwungen. Was dann folgte, war die „Operation Armada“, bei welcher ein treuloser Getreuer – mit Tejeros Unterstützung und im Glauben, dass schließlich auch der König hinter ihm stehen werde – selbst einen Staatsstreich versuchte.

          23. Februar 1981: König Juan Carlos (links) begrüßt den spanischen Ministerpräsidenten Adolfo Suarez nach dessen Freilassung.

          Dieses ziemlich stümperhafte Unternehmen von Armado und Tejero wird dem König in dem Buch nicht angelastet. Juan Carlos habe vielmehr in jener Nacht der Parlamentsbesetzung, wie die Autorin versichert, „geweint“ und sogar gesagt, die Putschisten müssten ihn notfalls „füsilieren“. Danach trat er in Militäruniform vor die Fernsehkameras, befahl als Oberkommandierender seinen Soldaten und Offizieren in die Kasernen zurückzukehren. Das unzweideutige mitternächtliche Bekenntnis des Königs zur Verfassung bereitete dem Spuk dann in wenigen Stunden ein Ende.

          Die geschichtlichen Aufräumungsarbeiten der, im Königshaus wie im Opus Dei gleichermaßen gut vernetzten Journalistin Urbano, hat dennoch beträchtliche Sprengkraft. Sie sollen jene dunklen Ecken auszuleuchten, die, weil unter anderem das Parlament die Dokumente von damals nicht freigeben will, noch tausend Geheimnisse bergen. Es ist kein Wunder, dass die Kommunisten aufgrund des Buches schon eine parlamentarische Untersuchungskommission gefordert und zugleich den König aufgefordert haben, „zu dementieren, wenn er es denn kann“.

          Der Orden war der Dank

          Die beiden großen Parteien sind da viel vorsichtiger. Die regierenden Konservativen versichern, dass der König immer ein tadelloser „Garant des Rechtsstaats“ gewesen sei. Für die Sozialisten sagte deren ehemaliger Regierungschef González, dass Urbanos Glaubwürdigkeit „gleich null“ sei und dass sie „viel mehr lügt als spricht“. Doch dies alles scheint die Autorin, von der auch der älteste Sohn von Suárez inzwischen den „sofortigen Rückzug“ des „ehrenrührigen“ Buches verlangt hat, nicht zu erschüttern. Sie sieht sich in einem aufklärerischen Dienst an der historischen Wahrheit und ist überzeugt, dass der Sohn ihr „eines Tages noch dankbar sein“ werde, weil die Rollen des Vaters und des Königs gerecht dargestellt worden seien.

          Die Frage ist nun, ob der Hof reagiert und ein großes Dementi in eigener Sache vorbereitet. Bei Urbanos Buch über die Königin, wo der ihr zugeschriebene Kernsatz zum Thema Abdankung „Der König stirbt im Bett“ lautete, war das schwierig und wurde unterlassen. Emotional geht es diesmal für Juan Carlos aber ans Eingemachte. Denn in dem Buch des Vergessens wird noch behauptet, dass der Monarch, den jahrelang überaus kalt behandelten Suárez dann als dieser schon nicht mehr wusste, wer er war, mit dem Goldenen Vlies auszeichnete. Der Orden sei der Dank dafür gewesen, dass der zum Rückzug gezwungene Regierungschef, der den König eigentlich für einen „Verräter“ gehalten habe, doch aus patriotischem Anstand immer über dessen Part Stillschweigen bewahrte.

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