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„Bewegung Fünf Sterne“ : Die neuen Wilden bekommen Rom nicht in den Griff

  • -Aktualisiert am

Virginia Raggi, Bürgermeisterin von Rom, wollte die Stadt ändern, entpuppt sich aber als dazu unfähig. Bild: AP

Für die „Bewegung Fünf Sterne“ sollte die Eroberung der ewigen Stadt den Grundstein für die Herrschaft in ganz Italien legen. Doch Bürgermeisterin Virginia Raggi schadet Stadt und Sternen. Über einen meteorhaften Abstieg.

          So ist das gemeinhin in Diktaturen: Der Parteichef kommt zur Krisensitzung des Politbüros hinter verschlossenen Türen. Danach wird ein Mitglied im Amt bestätigt, ein anderes muss Selbstkritik üben. Darüber gibt es aber keine öffentliche Pressekonferenz, sondern nur eine Erklärung.

          Die ewig unregierbare Stadt Rom hat dergleichen in bald 2700 Jahren Geschichte sicherlich schon erlebt. Aber im Juni dieses Jahres war die erst 38 Jahre alte Rechtsanwältin Virginia Raggi von der „Bewegung Fünf Sterne“ dafür gewählt worden, dass so etwas eben nicht mehr vorkommt und Rom endlich aus seinem Dickicht aus Korruption in eine „transparent geführte Stadt ihrer Bürger“ verwandelt wird. Aber es kam genau so, wie es nicht kommen sollte.

          Der Parteichef, der Komiker Beppe Grillo, der freilich von den „Fünf Sternen“ nur als entscheidungsferner „Garant der Bewegung“ bezeichnet wird, eilte aus Neapel herbei und musste hinter verschlossenen Türen in Nettuno vor Rom den jüngsten Krach um Raggi schlichten. Danach bestätigte er die Bürgermeisterin im Amt und verlangte vom zweiten Mann der Bewegung, Luigi Di Maio, Selbstkritik. Während sich der Parteichef daraufhin wieder zurückzog, gab die Bürgermeisterin ihre Facebook-Erklärung dazu ab; den Tränen nah und mit schwarzen Ringen um die Augen.

          Nach einem holprigen Start waren in der vergangenen Woche ihr Finanzstadtrat und die Chefin ihres Kabinetts auf dem Kapitol zurückgetreten, nicht zuletzt wegen wachsender Kritik an ihrer üppigen Besoldung. Auch der Chef der Müllentsorgungsgesellschaft Ama und jener der Verkehrsbetriebe Atac traten wieder ab. Der neue Atac-Chef gab zu verstehen, er sehe sich nicht ausreichend in seinem Bemühen bestärkt, den völlig verschuldeten und korrupten Betrieb zu neuer Effizienz zu führen. Seit Wochenanfang musste sich Frau Raggi auch noch gegen den Vorwurf verwahren, sie habe zwar seit Ende Juli von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihre Umweltreferentin wegen Amtsmissbrauchs gewusst und darüber auch das Direktorium der Bewegung informiert, die Öffentlichkeit aber habe sie nicht eingeweiht.

          Der Gründervater greift ein

          Seither macht die Wählerschaft, die Frau Raggi mit 67 Prozent der Stimmen ins Amt geschickt hatte, gegen sie mobil. Diese vermeintlich bürgernahen Reformer der Internetdemokratie seien auch nicht anders als die alten Parteien, heißt es. Unglaublich sei es, was man in zwei Monaten an Kredit verspielen könne. Und die Kritik trifft neben Frau Raggi auch Luigi Di Maio. Er ist Vizepräsident des Abgeordnetenhauses und wird als Kandidat der „Sterne“ gegen Ministerpräsident Matteo Renzi aufgebaut.

          Er hatte zunächst behauptet, nichts von den Ermittlungen gegen die Umweltreferentin gewusst zu haben. Als dann aber der „Messaggero“ den Brief Raggis an ihn als den Chef im Direktorium veröffentlichte, sagte Di Maio kleinlaut, er habe diesen Punkt wohl falsch verstanden. Das brachte seinen Gegenspieler Alessandro Di Battista auf, der sich kurzfristig in Forderungen nach Di Maios und Raggis Rücktritt steigerte. Daraufhin schritt der Gründervater der Bewegung ein, der viel Verständnis für Di Battista geäußert, aber Pragmatismus gefordert haben soll. Für Grillo war nämlich die Eroberung des Kapitols nur ein erster Schritt in Richtung Macht über ganz Italien.

          Da kann sich die Bewegung das Scheitern von Frau Raggi nicht leisten. „Wir werden nun wieder mehr kontrollieren“, ließ er hoheitlich verlauten. Der Vizechef von Raggis Kabinett, der schon zur Stadtregierung des neofaschistischen Bürgermeisters Gianni Alemanno gehörte, soll ein neues Amt erhalten. Richter Raffaele Cantone, derzeit Präsident der Nationalen Antikorruptionsbehörde, hält aber auch noch andere Berufungen für „unangebracht“. Kurzum: Auch die neuen Wilden aus dem Internet bekommen Rom nicht in den Griff.

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