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Sinneswandel in Serbien : Die Kosovo-Lüge

Will den Kosovo-Konflikt friedlich lösen: Serbiens Ministerpräsident Ivica Dačić Bild: Andrej Isakovic/AFP

Serbiens Ministerpräsident Ivica Dačić ist ein alter Milošević-Mann - und bricht ein nationales Tabu. Der serbische Anspruch auf den gesamten Kosovo sei „ein Märchen“, verkündet er.

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          Vor genau zehn Jahren wurde der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjić in Belgrad erschossen. Sein Mörder war Mitglied der „Roten Barette“, einer in den Herrschaftsjahren des Belgrader Kriegstreibers Slobodan Milošević gegründeten Sondereinheit der serbischen Polizei, die sich im Krieg auf Massaker an Bosniaken und Kroaten, im Frieden auf Entführungen und Auftragsmorde spezialisiert hatte. Als Milošević am 5. Oktober 2000 gestürzt wurde, griffen die „Roten Barette“ jedoch nicht ein, weil Djindjić („Ich will Serbien nach Europa führen. Um jeden Preis!“) in der Nacht zuvor eine Abmachung mit ihrem Befehlshaber getroffen hatte: Halte die Einheit still, werde sie nach Miloševićs Sturz nicht antasten, versprach Djindjić. Er hielt Wort. Das kostete ihn am 12. März 2003 das Leben.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ein Jahrzehnt später sind die „Roten Barette“ aufgelöst und Djindjićs Mörder in lebenslanger Haft - die serbische Regierung aber führt Ivica Dačić, der ehemalige Sprecher des Milošević-Regimes. Und doch hat sich viel verändert. Dass in der Wochenzeitschrift „Nin“ vor wenigen Tagen ausgerechnet Dačić zum Todestag ein Loblied auf Djindjić anstimmt, der einst den Sturz seines Chefs organisierte, weist darauf hin. Wichtiger ist, was der Ministerpräsident zum Kosovo zu sagen hat, zu jener zwischen 1912 und 1999 von Belgrad kontrollierten Provinz also, deren Unabhängigkeitserklärung von 2008 Belgrad nicht anerkennt. Serbien, so der Regierungschef, habe zehn Jahre nach dem Attentat von Belgrad „noch immer nicht die Frage gelöst, die schon die Regierung Djindjić beschäftigte. Es weiß nicht, wo seine Grenzen sind.“

          Dačićs Äußerungen haben neue Qualität

          Im Weiteren übt sich Dačić in scheinbarer Selbstkritik: „Ich war Teil einer Regierung, die die Kosovo-Frage auch durch Krieg zu lösen versuchte. Vielleicht liegt tatsächlich eine gewisse Gerechtigkeit darin, dass ich heute der Hauptverantwortliche für eine friedliche Lösung bin, eine Lösung durch Verhandlungen.“ Diese Sätze sind der rhetorische Trommelwirbel vor dem Höhepunkt von Dačićs Text: „Fast zehn Jahre war das Kosovo ein Tabuthema, über das (in Serbien) niemand offiziell die Wahrheit sagen konnte. Es wurden Märchen erzählt. Es wurde gelogen, dass das Kosovo unser sei, so wurde es sogar in der Verfassung verkündet. Heute ist diese Verfassung nicht im Geringsten hilfreich.“

          Solche Worte hat man von einem serbischen Ministerpräsidenten noch nicht vernommen. In der Bevölkerung herrscht zwar seit Jahren die Einsicht vor, dass der größte Teil des Kosovos verloren ist, was hinter vorgehaltener Hand auch Serbiens Politiker bestätigten. Dass ein serbischer Ministerpräsident das Epos vom ewiglich serbischen Kosovo nun aber schwarz auf weiß als „Märchen“ bezeichnet, gar die entsprechende Präambel in Serbiens Verfassung eine „Lüge“ nennt, hat eine neue Qualität. Dačićs Äußerungen lassen eine pragmatische Lösung zwischen Belgrad und Prishtina fünf Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovos zumindest möglich erscheinen. Zwar hat Dačić seinen kosovarischen Gegenpart Hashim Thaçi in einem Interview gewarnt, Prishtina könne „nur mit der Waffe“ die Kontrolle über den serbisch dominierten Nordteil des Kosovos erlangen. Doch das ist wohl taktisches Getöse inmitten der Verhandlungen beider Staaten.

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