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Serbischer Nationalist : UN-Tribunal spricht Vojislav Šešelj frei

  • Aktualisiert am

Trotz der Anklage äußerte sich Seselj häufig öffentlich und ist seit 25 Jahren Chef einer nationalistischen serbischen Partei. Bild: AP

Die Richter des UN-Kriegsverbrecher-Tribunals haben den serbischen Nationalisten Vojislav Šešelj freigesprochen - weil sie keine ausreichenden Beweise für die ihm vorgeworfenen Kriegsverbrechen sahen. Šešelj will nun Schadenersatz in Millionenhöhe fordern.

          Der serbische Nationalistenführer Vojislav Seselj ist vom UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien überraschend in allen Anklagepunkten freigesprochen worden. Dem 61-Jährigen waren Verbrechen gegen die Menschlichkeit in drei Fällen sowie Kriegsverbrechen in sechs Fällen während des jugoslawischen Bürgerkriegs Anfang der neunziger Jahre vorgeworfen worden. Er soll die als „ethnische Säuberungen“ verharmlosten Pogrome gegen andere Bevölkerungsgruppen beim Aufbau „Großserbiens“ angestachelt und bei ihrer Umsetzung unterstützt haben. Seselj und seine Anhänger feierten den Freispruch in Belgrad. Kroatiens Regierungschef Tihomir Oreskovic sprach dagegen von einer Schande und einer Niederlage der Vereinten Nationen.

          Der Freispruch des UN-Gerichts kam unerwartet. Selbst Seselj hatte mit einer Verurteilung zu 25 Jahren Haft gerechnet. Nach dem Urteilsspruch kündigte er an, seine Schadensersatzklage gegen das UN-Tribunal von zwölf Millionen auf 14 Millionen Euro zu erhöhen - als Ausgleich „für all das Leiden, das ich durchgemacht habe“.

          Obwohl zahlreiche aufstachelnde Äußerungen Seseljs vor Gericht vorgebracht worden waren, sah es keine Grundlage für eine Verurteilung. So hatte er in einer Rede vor serbischen Soldaten unter Verwendung eines Schmähworts für Kroaten gefordert: „Kein einziger Ustascha darf Vukovar lebendig verlassen.“ Das UN-Gericht sah diese Äußerung als nicht ausreichend für eine Verurteilung wegen Aufstachelung zur Tötung der Menschen. Sie hätte auch „Hebung der Moral der Truppe“ gefallen sein können, sagte der Vorsitzende Richter Jean-Claude Antonetti. Er kündigte die Aufhebung des Haftbefehls gegen Seselj an. „Vojislav Seselj ist jetzt ein freier Mann“, sagte er.

          Seselj selbst hatte sich für unschuldig erklärt. Der Prozess gegen ihn hatte mehr als zehn Jahre gedauert. 2014 war er nach einer Krebsdiagnose vorläufig aus der Haft entlassen worden. In Serbien trat er danach mehrfach bei politischen Demonstrationen gegen das UN-Gericht auf.

          Der Freispruch könnte auch seiner Radikalen Partei weiteren Auftrieb geben, die einen Monat vor der Parlamentswahl in Umfragen derzeit leicht über der Fünf-Prozent-Hürde rangiert und damit nach vier Jahren wieder in das Parlament einziehen könnte.

          Seselj war enger Gefolgsmann von Serbenpräsident Slobodan Milosevic, der in Haft verstarb, bevor ein Urteil gegen ihn gefallen war. Zehntausende Kroaten und Muslime wurden von den serbischen Nationalisten vertrieben, viele getötet.

          In der vergangenen Woche hatte der Gerichtshof in Den Haag den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic unter anderem wegen Völkermords im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica mit 8000 Toten zu 40 Jahren Haft verurteilt.

          Im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 wurden rund 130.000 Menschen getötet. Das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wurde 1993 eingerichtet.

          Vojislav Šešelj
          Im Gespräch mit einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher

          Vojislav Šešelj zu interviewen, einen der mutmaßlich schwersten Kriegsverbrecher des Jugoslawienkrieges, ist fast unmöglich. F.A.Z.-Korrespondent Michael Martens hat sich auf das Spiel mit dem alten Mann eingelassen. Das Gespräch im Wortlaut.

          Zum Interview

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