https://www.faz.net/-gq5-7951q

Serbien und Kosovo : Nicht nur auf dem Papier

Mitrovica: Serben demonstrieren gegen die Annäherung Belgrads und Prishtinas. Bild: dpa

Das Kosovo und Serbien normalisieren ihre Beziehungen. Für einen Beginn von EU-Beitrittsverhandlungen aber müssen Belgrad und Prishtina mehr liefern als nur Absichtserklärungen.

          Nach zähen Verhandlungen haben Serbien und das Kosovo vor knapp einem Monat den Weg zu einer belastbaren Lösung des Konflikts um das Amselfeld beschritten. Auf dem Höhepunkt dieses Konflikts, der mit Serbiens Eroberung des Kosovos vom Osmanischen Reich im Jahr 1912 begann und im 20. Jahrhundert nie ganz zur Ruhe kam, griff die Nato 1999 erstmals in ihrer Geschichte einen souveränen Staat an, das damalige Jugoslawien des serbischen Gewaltherrschers Slobodan Milošević. Eine Folge dieses Krieges zur Beendigung des serbischen Terrorregimes auf dem Amselfeld ist die andauernde Präsenz der Nato-Schutztruppe Kfor im Kosovo, deren größtes Kontingent seit Jahren die Bundeswehr stellt. Bei aller Vorsicht vor übertriebenem Optimismus mehren sich die Anzeichen, dass die ausländischen Truppen in wenigen Jahren nach erfüllter Mission endlich aus dem Gebiet abgezogen werden können.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Den Grundstein dazu legte die EU, die die Ministerpräsidenten des Kosovos und Serbiens, Hashim Thaçi und Ivica Dačić, ehemaliger albanischer Freischärlerführer der eine, früherer Sprecher des Milošević-Regimes der andere, mit Nachdruck dazu brachte, ein Abkommen über die (partielle) Normalisierung der serbisch-kosovarischen Beziehungen zu schließen. Ohne den Wunsch beider Staaten nach einer Annäherung an die EU (im Falle Kosovos geht es um Verhandlungen über einen Assoziierungsvertrag, bei Serbien gar um den Beginn von Beitrittsgesprächen) wäre ein solches Abkommen nicht zustande gekommen. Immer wieder machten Brüssel und die Mitgliedstaaten deutlich, dass man sich keinesfalls einen neuen „gefrorenen Konflikt“ in die Union holen werde.

          Gelöst werden musste dazu vor allem der seit der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung vom Februar 2008 schwelende Konflikt um das serbisch dominierte Nordkosovo. Am 19. April kam es daraufhin zu einem Abkommen, laut dem die serbischen Gemeinden und Enklaven im Kosovo sich zu einem Verbund mit umfangreichen Vollmachten zusammenschließen dürfen, in den die kosovarische Regierung nicht hineinregieren kann. Dafür müssen die sogenannten serbischen Parallelstrukturen jedoch aufgegeben beziehungsweise in die kosovarische Verfassung eingegliedert werden.

          Es bedarf mehr als nur Absichtserklärungen

          Als „historisch“ wurde diese Vereinbarung gefeiert, doch besonders Berlin blieb skeptisch. Auf dem konfliktbeladenen Balkan erschöpfte sich die Historizität vermeintlicher Durchbrüche nämlich zu oft schon in Papier, das Papier blieb. Um den Deutschen Bundestag zu überzeugen, der einem Beginn von Beitrittsverhandlungen mit Serbien zustimmen, ihn aber auch ablehnen kann, müssen Belgrad und Prishtina mehr liefern als nur Absichtserklärungen, Taten also statt Worten allein. Vor allem für die serbische Regierung stellt das eine Herausforderung dar, denn sie muss die Kosovo-Serben - das sind vermutlich nicht mehr als 100.000 - von den Vorzügen des Abkommens überzeugen. Bisher, so scheint es, gelingt das recht gut. Als vergangene Woche Kosovo-Serben, die orthodoxe Kirche und die Demokratische Partei Serbiens des ehemaligen Ministerpräsidenten Koštunica gegen das Abkommen demonstrierten, verirrten sich kaum 3000 Teilnehmer in Belgrads Innenstadt. Selbst die orthodoxe Kirche ist uneins. Einige extremistische Bischöfe stießen Morddrohungen gegen die Regierung aus. Von diesen distanziert sich aber Patriarch Irinej beschämt.

          Weitere Themen

          Amerika schickt weitere Soldaten in den Nahen Osten

          Iran-Konflikt : Amerika schickt weitere Soldaten in den Nahen Osten

          Die Spannungen zwischen Iran und Amerika nehmen zu. Zwar betont man in Washington, man suche nicht die Konfrontation mit Teheran – dennoch verstärkt Amerika seine Truppen im Nahen Osten. Eine Ankündigung des Irans verschärft die Lage weiter.

          Das Ende der Einsamkeit Video-Seite öffnen

          Insel Sokotra im Jemen : Das Ende der Einsamkeit

          Der Artenreichtum der Insel Sokotra hat sie zum Weltkulturerbe gemacht. Doch das Paradies ist von politischen Verwerfungen bedroht: Die Hilfe aus Saudi-Arabien und den Emiraten ist auch ein Zeichen von Autoritätsverlust.

          Topmeldungen

          Iran-Konflikt : Amerika schickt weitere Soldaten in den Nahen Osten

          Die Spannungen zwischen Iran und Amerika nehmen zu. Zwar betont man in Washington, man suche nicht die Konfrontation mit Teheran – dennoch verstärkt Amerika seine Truppen im Nahen Osten. Eine Ankündigung des Irans verschärft die Lage weiter.
          Ehemaliger Lebensmittelladen in Loitz: Der Solidaritätszuschlag dient in erster Linie zur Finanzierung der Kosten, die die deutsche Wiedervereinigung verursacht hat. (Archiv)

          Wortbruch der Union : Soli-Schmerzen

          Dass ein Teil des Soli bleibt, dürfte für die Betroffenen finanziell zu verschmerzen sein. Nicht aber der Wortbruch der Union – und das bittere Gefühl, dass ihr Sondereinsatz für das Land nicht einmal wertgeschätzt wird.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.