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Serbien : Brot und Putin

Strammgestanden! Eine junge Serbin lässt sich inmitten serbischer Soldaten in Belgrad fotografieren Bild: Reuters

Im Westen ist Russlands Präsident nicht mehr gern gesehen. Aber wenn er am Donnerstag nach Serbien kommt, werden ihm zu Ehren Panzer durch Belgrad rollen.

          5 Min.

          Im vergangenen Monat ereignete sich Unerhörtes in Belgrad: Fast 1000 Schwule und Lesben marschierten unbehelligt durch Serbiens Hauptstadt. Patriarch Irinej, Oberhaupt der serbischen orthodoxen Kirche, hatte die Katastrophe vergeblich abzuwenden versucht. Nicht zuletzt dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit des obersten Hirten aller rechtgläubigen Serben weiß in Serbien schließlich jedes Kind, dass Homosexualität, Pädophilie, Inzest, Sodomie „und andere Formen der Befriedigung perverser sexueller Impulse“ letztlich ein und dasselbe sind, wie der Patriarch unlängst wieder in Erinnerung rief. Doch alles Wehen und Klagen half nichts. Nachdem die „Gay Pride“ in den Jahren zuvor aus Sicherheitsgründen abgesagt worden war, fand sie heuer statt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Serbiens Regierungschef Aleksandar Vučić ließ die serbische Antiterroreinheit SAJ, die Gendarmerie sowie mehr als 7000 Polizisten aus dem ganzen Land nach Belgrad bringen und mit gepanzerten Fahrzeugen die Innenstadt absperren. So konnten die Homosexuellen, zur Sicherheit von zusätzlichen, als Zivilisten getarnten Sicherheitskräften in ihrer Mitte begleitet, ungeschoren durch das Zentrum von Griechisch Weißenburg paradieren, bevor sie in Einsatzwagen der Polizei in verschiedene Teile der Stadt verbracht und möglichst unauffällig entlassen wurden, damit sie nicht als Gruppe erkennbar und somit von Gewalttätern angreifbar wären.

          Keine gewalttätigen Übergriffe

          Anders als 2010, bei der zuvor letzten „Gay Pride“, als einige besonders kyrillisch gestimmte Serben ihre Unterstützung für die Familie als Keimzelle slawischer Werte durch blutige Angriffe auf Schwule und Lesben sowie parallel dazu durch das Plündern von Geschäften bekräftigt hatten, gingen diesmal weder Nasen noch Schaufenster zu Bruch. Nicht einmal den Hooligans des Fußballklubs Roter Stern Belgrad gelang es, Teilnehmer der Parade anzugreifen.

          Als alles glücklich überstanden und Belgrad trotz gegenteiliger Prophezeiungen der orthodoxen Kirche nicht in den Schlund der Hölle hinabgezogen worden war, versicherte Vučić, als junger Mann einst selbst Wortführer des rechtsradikalen Milieus von Roter Stern Belgrad, der Schwulenaufmarsch zu Belgrad habe nicht etwa stattgefunden, weil die EU dies dem Land als Bedingung der laufenden Beitrittsverhandlungen auferlegt habe oder weil der Staat die Homosexuellen den Bischöfen vorziehe, „sondern wegen der Verfassung, der Gesetze, des Staates und des Respektes für die Rechte aller Menschen“. Damit erwarb sich Vučić den Respekt der EU, denn der Hinweis darauf, dass Recht und Gesetz auch für Homosexuelle gelten, kostet in der von Nationalismus und Intoleranz zerfurchten serbischen Gesellschaft immer noch Mut.

          Der Stargast kommt zu früh

          Vučić ahnte zu diesem Zeitpunkt aber wohl schon, dass er seinen Wählern bald etwas zum Ausgleich würde bieten können. Wochenlang spekulierten die serbischen Medien, ob der Traum sich tatsächlich erfüllen werde, dann stand fest: An diesem Donnerstag kommt Wladimir Putin höchstselbst nach Serbien. Russlands Präsident wohnt den Feierlichkeiten zum siebzigsten Jubiläum der Befreiung Belgrads von der deutschen Besatzung durch die Rote Armee bei. Eigentlich wäre der Jahrestag erst am 20. Oktober zu begehen, aber da der Stargast aus Moskau zu dem historischen Stichtag unabkömmlich war, wurden die Feiern flugs um vier Tage vorverlegt. Hauptsache, Putin ist dabei.

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