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Serbien : „Ich fürchte mich vor unserer Mentalität“

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Aleksandar Vučić: „Unsere Zukunft liegt ohne Zweifel im Westen“ Bild: AFP

Aleksandar Vučić ist für ein europäisches Serbien. Vor den EU-Beitrittsverhandlungen spricht der stellvertretende Ministerpräsident über Selbstkritik, heikle Reformen und wirtschaftliche Probleme.

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          Auf der Beerdigung des serbischen Reformers Zoran Djindjić im März 2003 sagte der damalige griechische Außenminister Giorgos Papandreou: „Im Namen aller meiner Kollegen leiste ich dir, Zoran, und Serbien und Montenegro das Versprechen, dass dein Land zu Europa gehören wird, zu unserem Europa.“ Zehn Jahre und zehn Monate nach dem Mord an Djindjić beginnen nun Serbiens EU-Beitrittsverhandlungen. Hat Europa Papandreous Versprechen damit erfüllt?

          Ich schätze Djindjićs Träume ebenso wie die Worte von Papandreou und bin froh, dass Serbien heute dort steht, wo es steht – wenn auch leider nicht drei oder vier Jahre nach Djindjićs Tod, was möglich gewesen wäre, sondern erst ein Jahrzehnt danach. In den vergangenen zehn Jahren hat Serbien viele Chancen verpasst. Es hat schwierige Phasen durchgemacht, vor allem, was das Kosovo und den Kampf gegen die organisierte Kriminalität betrifft. Es liegen auch noch schwierige Zeiten vor uns. Aber wer Serbien heute betrachtet, wird zugeben müssen, dass sich viel zum Guten verändert hat.

          Als Djindjić ein europäisches Serbien propagierte, standen Sie noch auf der anderen Seite: Sie kämpften für ein Großserbien, das mit dem Rücken zu Europa leben sollte. Im Jahr 2008 haben Sie sich vom nationalistischen Lager losgesagt. Wie kam es dazu?

          Das war ein Prozess. Man wacht nicht eines Tages auf und sagt: Nun denke ich anders. Im Unterschied zu vielen Politikern in Serbien, die so tun, als hätten sie immer richtig gelegen, schäme ich mich nicht dafür, zu sagen: Ich habe mich geirrt. Ich lag falsch. Ich war im Unrecht. Auch wenn es nicht leicht ist, gebe ich meine Irrtümer zu. Es ist für alle in diesem Land besser, objektiv zu sein und beim Namen zu nennen, was früher falsch lief in Serbien. Für die Serben ist es nun tatsächlich einfacher, selbstkritisch zu sein. Sie können sagen: Wenn Vučić zugibt, dass er irrte, können wir es auch. Als 1989 die Berliner Mauer fiel und die Welt sich veränderte, haben wir Serben nicht begriffen, was das bedeutete. Wir verstanden die Welt nicht mehr. Die europäische Idee reifte, aber wir sahen es nicht. Heute sage ich: Wir mögen Russland, wir werden weiter mit Russland kooperieren – aber unsere Zukunft liegt ohne Zweifel im Westen.

          Es heißt, Max Weber habe bei Ihrer Wandlung eine wichtige Rolle gespielt.

          Max Weber hatte ich schon lange vorher gelesen. Aber ich sage sehr oft, dass es uns in Serbien an protestantischer Ethik mangelt. Wir sind nicht verantwortungsbewusst genug. Wir müssen unsere Mentalität ändern. Es ist nicht die Kosovo-Frage oder die Wirtschaftskrise, vor der ich mich fürchte. All das ist lösbar. Ich fürchte mich vor unserer Mentalität, vor unseren Gewohnheiten – das ist unser eigentliches Problem.

          Die Stimmung in vielen EU-Staaten ist erweiterungsfeindlich. Griechenland, Bulgarien und Rumänien haben die Beliebtheit des Balkans nicht unbedingt gesteigert.

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