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Krieg in der Ostukraine : Haubitzen neben Wohngebieten

Ukrainer gegen Ukrainer: OSZE-Beobachter behalten die Situation um Donezk im Auge. Bild: Imago

In der Ukraine werden mehr Bürger von Regierungstruppen getötet als von Separatisten. Doch warum nehmen die Rebellen den Tod von Zivilisten in Kauf?

          3 Min.

          Die Zahlen der Vereinten Nationen (UN) über die zivilen Opfer des ostukrainischen Krieges, welche der Hohe Kommissar für Menschenrechte diese Woche veröffentlicht hat, scheinen auf den ersten Blick keine Seite stärker zu belasten als die andere. Sie sind allerdings dramatisch genug. Nachdem die UN schon Mitte Juli mitgeteilt hatten, dass unter den mehr als 9500 Menschen, die der Krieg seit März 2014 das Leben gekostet hat, 2000 Zivilpersonen waren, kommt jetzt die Erkenntnis hinzu, dass der Blutzoll unter der Bevölkerung zuletzt wieder heftig gestiegen ist. Das Hochkommissariat hat im Juli acht Tote und 65 Verletzte gezählt, doppelt so viele wie noch im Mai, und die höchste Zahl seit einem Jahr. Etwa die Hälfte der Opfer ist offenbar durch Artilleriefeuer verletzt worden, die übrigen oft durch Minen oder Sprengfallen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Hohe Kommissar, Zeid Ra’ad Al Hussein, beschuldigte beide Parteien gleichermaßen, den Schutz der Bevölkerung zu vernachlässigen. Dennoch fiel auf, dass die Beispiele, die er nannte, die ukrainische Seite stärker belasteten als die Separatisten. Der Kommissar erwähnte beschossene Krankenhäuser und Schulen im Separatistengebiet und Bombardements in den Vorstädten von Donezk, der wichtigsten Hochburg der prorussischen Kämpfer. Fälle, in denen Zivilisten durch einen Artilleriebeschuss der Separatisten getötet oder verletzt wurden, erwähnte er dagegen nicht.

          Ukrainische Armee fordert mehr Opfer unter Zivilisten

          In der Tat weist einiges darauf hin, dass die Kriegführung der Regierungsseite mehr Zivilpersonen in Mitleidenschaft zieht als die der Separatisten, während andererseits die Zahl der militärischen Opfer der ukrainischen Streitkräfte höher sein dürfte als die der prorussischen Kämpfer. Über getötete und verletzte Soldaten beider Seiten gibt es zwar keine unabhängige Erhebung, aber eine Untersuchung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die Zeit zwischen Mitte April und Ende Juli hat ergeben, dass die „Behörden“ der separatistischen „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk in ihren offiziellen Wochenberichten für diesen Zeitraum 71 Tote und Verletzte vermeldet haben; die gemeldeten Verluste der ukrainischen Streitkräfte sind dagegen neunmal höher: 600 Männer und Frauen.

          Bei den zivilen Kriegsopfern dagegen ist das Verhältnis anders. Diese Zeitung hat – abermals für den Zeitraum zwischen Mitte April und Ende Juli – die Tagesberichte der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine ausgewertet und ist dabei auf mehr als dreißig Fälle gestoßen, in denen zivile Bewohner der Separatistengebiete vermutlich durch die ukrainische Armee verletzt oder getötet worden sind.

          Auf ukrainischer Seite war die Opferzahl um ein Drittel niedriger und belief sich auf etwas über zwanzig Menschen. Die Unterschiede zu den Zahlen der UN beruhen unter anderem darauf, dass diese Zeitung nur Fälle registriert hat, in denen die Verantwortung erkennbar scheint. Unklare Fälle, etwa Kinder, die mit Granaten spielten, oder Verletzte durch Minen im Niemandsland, wurden nicht gezählt.

          Dass die Ukrainer trotz ihrer insgesamt höheren Verluste bei den zivilen Opfern besonders schwere Verantwortung tragen, hängt auch mit den Gegebenheiten des Kriegsgebiets zusammen. Die gefährlichsten Frontabschnitte ziehen sich um das Ballungsgebiet Donezk, wobei die Separatisten „innen“ stehen, und die Regierungstruppen „außen“. Wenn sie sich gegenseitig beschießen, landen fehlgehende Geschosse der prorussischen Kämpfer deshalb oft auf offenem Feld, während solche der Ukrainer Wohngebiete treffen. Am Rand der Metropole Donezk ist in manchen Straßen buchstäblich jedes Haus beschädigt, viele Menschen leben in Kellern.

          Auch Separatisten tragen Verantwortung für die Opfer

          Die Separatisten tragen allerdings für die zivilen Opfer auf ihrer Seite einen Teil der Verantwortung, weil sie immer wieder ihre Artillerie in Wohngebieten aufstellen und damit Gegenfeuer provozieren. Die OSZE hat zwischen Mitte April und Ende Juli drei solche Fälle dokumentiert. In dem von Separatisten gehaltenen Ort Staromychailiwka erzählte ein Zeuge, während eines vermutlich ukrainischen Artillerieangriffs habe er in der Ortschaft ein Militärfahrzeug (der Separatisten) mit „einem aufgerichteten Kanonenrohr“ gesehen.

          Im von prorussischen Milizen gehaltenen Ort Kalynowe hat die OSZE vier Haubitzen dabei beobachtet, wie sie aus „sehr großer Nähe zu Wohngebieten“ feuerten. Ein ähnlicher Fall ereignete sich auch in der besetzten Großstadt Horliwka, wo die Beobachter wenige hundert Meter von ihrem Stützpunkt entfernt Geschützdonner hörten. Auch in Donezk haben Zeugen der OSZE einen solchen Fall geschildert.

          Als eines ihrer Teams am 28. Mai einen beschädigten Wohnblock inspizierte, erzählten Anwohner, dass die Kämpfer der „Donezker Volksrepublik“ manchmal von dort aus feuerten, um sich danach sofort zurückzuziehen. Einmal hätten sie sogar darum gebeten, einen Mörser am Dach eines Blocks in Stellung bringen zu dürfen. Auf ukrainischer Seite sind solche Fälle im untersuchten Zeitraum nicht bekanntgeworden. Allerdings stellte die OSZE einmal in einer beschossenen Schule auf Regierungsgebiet fest, dass die Armee im obersten Stockwerk einen Beobachtungsposten eingerichtet hatte.

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