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Ukraine-Krise : Ohne Kohle im Kohlerevier

Denkmal aus einer anderer Zeit: Am Bergwerk Trudowskaja in Donezk Bild: Alexander Tetschinski

Äußerlich normalisiert sich das Leben in den Gebieten des Donbass, in denen nicht mehr gekämpft wird. Doch die Wirtschaft der Region steht vor dem Zusammenbruch.

          6 Min.

          Igor Martinow, der „Bürgermeister“ der von prorussischen Kämpfern besetzten ostukrainischen Industriemetropole Donezk, hat es am Wochenende offen gesagt: Die separatistische „Volksrepublik“, die jetzt in seiner Stadt ihr Zentrum hat, wäre schnell am Ende, wenn sie nicht Tag für Tag Geld von Russland bekäme - „und zwar nicht nur ein bisschen, sondern viel“.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Donezk, mit seinen Schloten und Fördertürmen bis vor kurzem die Geldmaschine der milliardenschweren Donbass-Oligarchen, ist für die neuen Moskauer Paten zum Reißwolf der Rubelscheine geworden. Nicht nur russische Panzer und russische Soldatenleben, auch russisches Geld verschwindet jetzt in diesem Schwarzen Loch.

          Im Zentrum von Donezk herrscht auf den ersten Blick trügerische Ruhe. Draußen, in den Arbeitervierteln, schlagen zwar Granaten ein; Großmütter und Kinder drängen sich in den Kellern, während die Eltern oben zwischen den zerschossenen Gruben versuchen, ein paar Kopeken fürs Überleben zu ergattern. In der Stadtmitte aber ist vom Krieg nichts zu spüren. Die Oper ist offen, das „Marrakesch“ arbeitet.

          Die Hot-Dog-Stände verkaufen Hot Dogs, die Frauen tragen wie eh und je starkes Make-up zu hohen Absätzen, und die Sammeltaxifahrer rufen die nächste Fahrt aus. Die Straßenbahnen, rumpelige Ungetüme aus Sowjetzeiten, fahren ihre übliche Strecke, Straßenkehrer fegen Herbstlaub. Doch abends in den Hotelbars trägt man zum Maßanzug jetzt Pistole, und für die Mädchen gibt es Champagner.

          Die Lage verbessert sich nur auf den ersten Blick

          Vieles ist besser als noch im Sommer, auf dem Höhepunkt der Kämpfe. Der Waffenstillstand vom September ist zwar brüchig, jeden Tag werden Menschen getötet, aber es sind nicht mehr so viele wie damals, und auf dem Artjoma-Boulevard sind einige der Cafés, die vor ein paar Wochen noch vernagelt waren, wieder geöffnet. Die Beobachter der OSZE berichten, dass auf den Märkten wieder mehr Lebensmittel zu haben seien und dass die Krankenhäuser weniger Tote meldeten.

          Die Behörden verzeichnen zwar starken Bevölkerungsschwund, aber andererseits sind seit dem Sommer offenbar auch einige Flüchtlinge zurückgekehrt. Der von den Separatisten eingesetzte Bürgermeister der Industriestadt Luhansk sagte der OSZE kürzlich, von ehemals 470 000 Einwohnern seiner Stadt seien nach der Massenflucht des Sommers mittlerweile immerhin 380 000 bis 400 000 wieder da. Sein Donezker Kollege Martinow spricht von gegenwärtig 750 000 Einwohnern seiner Stadt, nach etwas mehr als einer Million vor dem Krieg.

          Doch der Schein einer langsamen Rückkehr zur Normalität könnte trügen. Die Kämpfe sind zwar nicht mehr so schwer wie vor drei Monaten, aber wirtschaftlich steht die separatistische „Volksrepublik Donezk“ möglicherweise kurz vor dem Infarkt. Hochöfen und Förderanlagen sind zerschossen, Straßen und Stromleitungen unterbrochen. 26 Straßenbrücken sind nach Angaben der ukrainischen Gebietsverwaltung zerstört worden.

          Ukraine : Bittere Not in Donezk vor Wintereinbruch

          Infrastruktur steht still

          Gruben laufen voll, weil der Strom fehlt, sie leer zu pumpen. Der Strom fällt aus, weil Kraftwerke zerstört wurden. So hat das Kraftwerk Luhansk, die einzige bedeutende Stromquelle der gleichnamigen Separatistenrepublik, wegen Kriegsschäden vier Fünftel seiner Kapazität verloren, in der „Volksrepublik Donezk“ ist im Juli nach schwerem Beschuss das Kraftwerk Slowjanska ausgefallen. Außerdem gibt es mitten im Kohlerevier kaum noch Kohle, um Strom zu erzeugen.

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