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Schottische Nationalpartei : Mit ungebrochener Moral

Freude über eine Eintrittswelle: Nicola Sturgeon führt nun als Nachfolgerin von Alex Salmond die Schottische Nationalpartei (SNP) Bild: Reuters

Nicola Sturgeon löst Alex Salmond an der Spitze der Schottischen Nationalpartei ab. Die Moral der Unabhängigkeitsbefürworter ist seit dem knapp gescheiterten Referendum ungebrochen. Die SNP gewinnt Mitglieder und weiter an Bedeutung.

          Als die Schotten im September gegen die Unabhängigkeit von Großbritannien stimmten, war in den Worten des „First Ministers“ in Edinburgh, Alexander Salmond, eine „Generationenchance“ vertan worden. Er kündigte seinen Rücktritt an, während sich seine Partei, die Schottische Nationalpartei (SNP), auf eine Zeit des Wundenleckens einzustellen schien. Jetzt, keine zwei Monate später, trifft sich die Schottische Nationalpartei in Perth, und die Stimmung ist blendend.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Salmond gelang ein souveräner Abgang. Von niemandem ernsthaft gedrängt räumte er den Platz für jene Frau, die durch seine politische Schule gegangen war und ihm zehn Jahre loyal als Stellvertreterin zur Seite gestanden hatte. Nicola Sturgeon, die neue Vorsitzende der SNP, die in der kommenden Woche zur neuen Ministerpräsidentin Schottlands gewählt werden wird, hatte keine Gegenkandidaten. Außer ihr war niemand in Sicht, dem das Format zugetraut wird, Alex Salmonds Platz einzunehmen. „Ich bin bereit, die Partei anzuführen, und mit der Partei voranzugehen“, sagte Sturgeon vor den Delegierten.

          „Koloss der schottischen Politik“

          Aber Salmond, den Sturgeon am Freitag als „Koloss der schottischen Politik“ bezeichnete, verabschiedet sich nicht nur mit einer geregelten Nachfolge, sondern mit einer Bilanz, die in der Ära der totgesagten Volksparteien aufmerken lässt. Die Schottische Nationalpartei, die noch vor wenigen Jahrzehnten als versprengter Haufen skurriler Chauvinisten angesehen wurde, stieg unter Salmond zur drittgrößten Partei des Vereinigten Königreichs auf. Dem verlorenen Referendum folgte keine Austritts-, sondern eine Eintrittswelle: Seit September, heißt es in der Parteizentrale, habe sich die Zahl der Mitglieder von 25.000 auf etwa 84.000 mehr als verdreifacht. Bis zu den Unterhauswahlen im Mai wolle man die Grenze von 100.000 durchbrechen, sagte Salmond am Freitag.

          Die neue Stärke könnte sich bis nach London übersetzen, und möglicherweise ist es abermals Salmond, der den Trend setzt. Noch hat er sich nicht offiziell festgelegt, aber in Schottland gehen viele davon aus, dass er im kommenden Mai für das britische Unterhaus kandidieren wird, dem er schon in den Jahren 1987 bis 2000 angehörte. Die SNP, die im Regionalparlament von Edinburgh die absolute Mehrheit hält, stellt in London nur sechs der 59 in Schottland gewählten Abgeordneten. Dies wird sich nach Ansicht Salmonds ändern. Er hat schon Wetten angeboten, dass die SNP ihre Sitze im Mai mindestens vervierfachen wird - Mandate, die fast ausschließlich der Labour Party abhanden kommen dürften.

          „Sehr starke Position“

          Mit 25 und mehr Sitzen könnte der SNP sogar die Rolle des Königsmachers zufallen, sollten die Briten ein weiteres „hung parliament“, ein Haus ohne klare Mehrheiten, wählen. Die Tories dürfen sich keine Hoffnungen auf eine Unterstützung durch die SNP machen, wohl aber die Labour Party. In einem Interview mit der Zeitung „Financial Times“ ließ Salmond am Freitag durchblicken, dass er sich keine Koalition vorstellen könne, wohl aber die Tolerierung einer linken Minderheitsregierung. Die Strategie obliege von nun aber natürlich seiner Nachfolgerin, bemerkte er noch für das Protokoll. Die Partei werde nach den Unterhauswahlen in einer „sehr starken Position“ sein, frohlockte er.

          Salmonds vielleicht erstaunlichstes Erbe ist die ungebrochene Moral der schottischen Unabhängigkeitsbefürworter. Fünf Wochen nach der Niederlage stieg ihr Anteil an der Bevölkerung laut einer Umfrage auf unbekannte Höhen - 52 Prozent, sieben Prozent mehr als am Tag des Referendums. An sein Wort von der „Generationenchance“ will Salmond nicht mehr erinnert werden. Inzwischen versichert er, er werde die schottische Unabhängigkeit noch zu Lebzeiten feiern können. Salmond wird im kommenden Monat sechzig Jahre alt.

          Auch  die 44 Jahre alte Nicola Sturgeon scheint den Weg für eine weitere Volksabstimmung zu bereiten. Das Referendum habe Schottland „für immer verändert“, sagte sie am Freitag in der BBC. Sie wolle diese Debatte weiterführen und werde auch als Ministerpräsidentin für die Unabhängigkeit eintreten. Ob und wann es zu einem weiteren Referendum komme, liege aber nicht an ihr, sondern an den „Wünschen und am Willen der Schotten“, sagte sie.

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