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Russlands Motive : Aus der Ecke zum Angriff

In Russland sind die alten Seilschaften noch intakt

Geht es nach Beiträgen wie diesem, sieht sich Russland, sieht sich die russische Welt nicht nur von den „Faschisten“ der Majdan-Bewegung gegenüber. Es geht um mehr. Das Verhältnis Russlands zum „Westen“ ist widersprüchlich. Einerseits ist die Gegnerschaft zu den Vereinigten Staaten und der Nato eine Konstante der Außenpolitik. Die EU ist hinzugekommen, jüngst auch, nach einer konservativen Volte Putins, als liederliche Fürsprecherin angeblich widernatürlicher sexueller Identitäten. Andererseits ist der „Westen“ bevorzugter Zielort der Elite, wenn es um Investitionen, medizinische Behandlungen und Lebensmittelpunkte geht - und Sehnsuchtsort für viele Russen, die sich das nicht leisten können. Unfreiwillig beleuchtete diesen Widerspruch dieser Tage der Staatssender Rossija 1: Die Nachrichten erzählten wieder einmal von dem groben Verhalten von Majdan-„Radikalen“ gegenüber Staatsvertretern, von Beschwerden, russische Abgeordnete im Kiewer Parlament sollten nun ukrainisch sprechen und von anderen Klagen über den „faschistischen Umsturz“, den der Westen herbeigeführt habe. Dann, in der Werbeunterbrechung, lockte eine heitere Frauenstimme mit dem Gewinn einer Reise nach Paris, mit dem Tenor: „Flanieren Sie über die Champs-Elysées!“

In den vergangenen Tagen ist in (nicht staatlichen) russischen Medien geschildert worden, die Ereignisse in der Ukraine änderten Russlands Selbstverständnis: Die Russen sähen sich gern als die „großen Brüder“ der Ukrainer, mutiger, stärker, weltläufiger. Die Ukraine als eigenen Staat habe man in Russland nie richtig ernstgenommen. Nun sehe man neben den Ukrainern feige aus. Zu Demonstrationen gegen politische Urteile in Russland kommen nur wenige hundert Menschen, in der Ukraine stürzen die Massen ein korruptes System. In der Ukraine fallen Lenin-Denkmäler, in Moskau ruht die Mumie des ersten Sowjetführers weiter im Mausoleum an der Kremlmauer. Nicht nur vom Turm des Außenministeriums, einem monströsen Relikt der Stalinzeit, prangen weiterhin Hammer und Sichel. In der Ukraine wird nun über eine „Lustration“ gesprochen, die Reinigung des Systems von alten Kadern, die ihre Privilegien über die Zeitenwende retteten.

In Russland hingegen sind die alten Seilschaften mit Putin an der Spitze noch intakt, wie sehr, dass hat unter anderem die Milliardenverteilung im Rahmen der Olympischen Spiele in Sotschi gezeigt. Die oft zitierte Aussage Putins, das Ende der UdSSR sei die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, bekommt daher eine persönliche Dramatik, wenn man, wie manche russische Kommentatoren, das Geschehen in der Ukraine als das Ende des Sowjetsystems in dem Land deuten will. Der Präsident ist durch die Ereignisse im „Bruderland“ nicht nur als Oberhaupt Russlands, sondern auch direkt und höchstpersönlich herausgefordert. Auch das mag die russischen Entscheidungen der vergangenen Tage erklären - und lässt für die kommende Zeit Übles ahnen. Ein Blick auf das harte Vorgehen der Führung gegen Widersacher im Inneren verdeutlicht ihre Entschlossenheit, jeden Widerstand zu brechen. Der kleine unabhängige Privatsender TV Doschd war nie eine wirkliche Konkurrenz für die Staatssender, gefährdete nie das Quasi-Informationsmonopol des Kreml bei dem Großteil der Bevölkerung. Dennoch haben ihn Kabel- und Satellitennetzbetreiber unter einem Vorwand aus dem Angebot genommen. Nun hat er nur noch einen Bruchteil seiner Reichweite.

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