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Russlands Motive : Aus der Ecke zum Angriff

Bowt hatte vor einer militärischen Eskalation gewarnt. Er ist kein Befürworter einer Intervention. Aber seine Ansicht, dass der Westen in der Ukraine zu weit gegangen ist, dürften viele Russen teilen, auch jene, die Putins Entscheidung ablehnen. Der Westen, besonders die EU, habe die Bedeutung der Ukraine in der Weltsicht der russischen herrschenden Klasse stark unterschätzt, meint Bowt. Eine „geopolitische Niederlage“ in dem Land bedeute nichts andere als eine existenzielle Bedrohung Russlands, auf die Moskau mit aller Macht, auch militärischer, reagieren werde. Bowt fragt: Wenn der Volksaufstand auf dem Majdan aus westlicher Sicht legitim war, warum solle nicht auch das Volk in anderen Teilen der Ukraine aufbegehren dürfen, in Donezk, in Charkiw, auf der Krim? Wenn Südsudan, Osttimor, das Kosovo und demnächst Schottland über ihr Schicksal entscheiden dürfen, warum nicht auch die Krim? Über den „Trash-Patriotismus“ und die Hysterie der Staatskanäle habe der Kreml, so Bowt, einen „Gedanken“ übermittelt. Die Botschaft: Hände weg von der Ukraine.

Nun scheinen die Staatskanäle die Russen noch mehr als zuvor auf Krieg einzustimmen. Im Staatssender Rossija 24 wurde am Sonntag ein junger Russe vorgestellt, der auf dem Majdan in Kiew gekämpft habe und bei seiner Rückkehr von Grenzbeamten festgenommen worden sei. Wladislaw, so soll er heißen, erzählte, dass er auf dem Majdan viele Kämpfer gesehen habe, die „aus dem Ausland“ gekommen seien. Russen seien dort „nicht so viele“ gewesen, aber unter anderen Nationalitäten „rund 60“ Amerikaner und „30 bis 40, manchmal bis zu 50“ Deutsche. Diese Kämpfer seien nach Kiew in Militäruniform gekommen, einige auch bewaffnet; diese Aussage erinnerte daran, wie der Parlamentspräsident der Krim jüngst in Moskau kurz vor dem Höhepunkt der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Kiew äußerte, eine „ausländische Armee“ von 5000 Mann stehe einsatzbereit auf dem Majdan. Nur wirkt Wladislaws Erzählung weniger übertrieben, erinnert an Berichte von Islamisten, die nach Syrien in den Dschihad. Der junge Mann sagte dem russischen Publikum weiter, der „Rechte Sektor“ in Kiew habe Leute, die nicht gehorchten, hart bestraft, einige seien in einen Keller geführt und mittels Kopfschusses getötet worden. Er habe sich entschieden Kiew, wohin er ursprünglich als Tourist gekommen sei, zu verlassen, nachdem er sich mit einem der Kommandeure gestritten und um sein Leben gefürchtet habe.

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