https://www.faz.net/-gq5-8aiy1

Luftangriffe in Syrien : Putins neue Armee

Bomben über Syrien: Zwei russische TU-22-Mittelstreckenbomber im Einsatz Bild: Reuters

Mit viel Geld und grundlegenden Reformen rüstet Moskau seine Streitkräfte für neue Aufgaben. Doch in Syrien kommen kaum Präzisionswaffen zum Einsatz.

          6 Min.

          Denis Wetschinow, stellvertretender Kommandeur eines Regiments motorisierter Schützen, fiel am 9. August 2008 in Zchinwali, der Hauptstadt Südossetiens. Sein Heldentum soll etlichen Kameraden und Journalisten das Leben gerettet haben, als georgische Spezialkräfte aus dem Hinterhalt angriffen, lernt man im Zentralmuseum der Streitkräfte im Norden Moskaus, wo in einem Schaukasten an Wetschinow erinnert wird. Der Fünftagekrieg mit Georgien vor sieben Jahren ist der bislang letzte aus einer langen Reihe von Kriegen, die in dem bombastischen Säulenbau an der Straße der Sowjetischen Armee musealisiert worden sind. Ein Blick in die Vergangenheit, zu der jene russische Armee gehört, für die der junge Major kämpfte und starb.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Für Gegenwart und Zukunft der russischen Streitkräfte soll das „Nationale Zentrum der Verteidigungssteuerung“ einige Kilometer weiter südlich im Verteidigungsministerium am Moskau-Fluss stehen. Ein weitläufiger ovaler Raum, eierschalfarben, an den Wänden kinoleinwandgroße Bildschirme. In dieser Kommandozentrale, die erst 2014 fertiggestellt wurde, nahm Präsident Wladimir Putin am Dienstag voriger Woche Erfolgsmeldungen aus Syrien ab. Hinter Flachbildschirmen saßen Militärs in drei Blöcken in blauen, grünen und beigefarbenen Uniformen. Es gab Liveschaltungen an die Einsatzorte. Hier gab Putin, stets als Oberbefehlshaber angesprochen, vor den Kameras des Staatsfernsehens den Befehl, mit Frankreichs Flottenverband im Mittelmeer „wie mit Verbündeten“ zusammenzuarbeiten. Ein Szenario wie aus einem James-Bond-Film, mit Putin als Dr. No. Ohne Katze, aber mit Nuklearwaffen.

          Kein Interesse an Auseinandersetzung mit der Nato

          Der Präsident verdankt die neue Militärherrlichkeit dem Einsatz von viel Geld und tiefgreifenden Reformen. Der Krieg 2008 hatte die Schwächen der Armee gezeigt: unbewegliche Großverbände, schlechte Kommunikationsmittel. Das alte Konzept war die Massenarmee, der große Krieg. Unter Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow, dem ersten Zivilisten auf diesem Posten, begannen Reformen: weniger Generäle und höhere Offiziere, mehr Berufssoldaten, Schwerpunkt auf Spezialkräfte und neue Einheiten der Leichten Infanterie, die schnell verlegt werden können. Regelmäßig finden „unerwartete Überprüfungen der Gefechtsbereitschaft“ statt, Großmanöver mit Zehntausenden Soldaten. 2012 wurde der Grundsold verdreifacht. Der Wehrdienst wurde von zwei Jahren auf ein Jahr verkürzt, was dazu beitrug, das Dedowschtschina („Herrschaft der Großväter“) genannte Misshandlungsregime zurückzudrängen. Die Armee ist als Arbeitgeber attraktiver geworden, auch durch die Fernsehpropaganda vom „umzingelten“ Vaterland. Das Heer soll wieder wachsen: Anfang dieses Jahres arbeiteten dort 295.000 Vertragssoldaten, 345.000 sollen es bis Ende des Jahres sein; hinzu kommen 250.000 Offiziere und 300.000 Wehrdienstleistende.

          Der Kreml gibt viel Geld aus, um die Wehrtechnik zu modernisieren. Geplant ist eine Erneuerung von 70 Prozent bis 2020. Der Modernisierungsgrad liege mittlerweile bei durchschnittlich 35 Prozent, in einigen Bereichen indes höher, sagt Maxim Schepowalenko, ein Militärfachmann von der Denkfabrik Centre for Analysis of Strategies and Technologies (CAST), das auch Aufträge von der russischen Regierung bekommt. Die Nuklearwaffen seien schon zu 85 Prozent auf neuestem Stand. Die russische Begeisterung für Atomwaffen schlug sich jüngst in (angeblich versehentlich gesendeten) Bildern des Kreml-Fernsehens über eine geplante nukleare Wunderwaffe mit kolossaler Zerstörungskraft nieder. Hintergrund ist, dass die moderne russische Armee nun nicht mehr auf Konflikte „hoher Intensität“ wie mit der Nato oder auch China, sondern auf Operationen auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion und Konflikte „niedriger und mittlerer Intensität“ ausgelegt sei, so Schepowalenko. Ein Konflikt mit der Nato würde schnell zu einer „nuklearen Eskalation“ führen. Schepowalenko hebt indes hervor, dass Moskau kein Interesse daran habe, die Nato-Bündnissolidarität zum Beispiel in den baltischen Staaten zu testen.

          Weitere Themen

          Israels Armee ändert ihre Strategie

          Gaza-Konflikt : Israels Armee ändert ihre Strategie

          Wieder feuern militante Palästinenser Raketen ab, wenn auch weniger als am Tag zuvor. Israel schlägt zurück, bemüht sich aber auffallend darum, die Hamas aus dem Konflikt herauszuhalten.

          Topmeldungen

          Günther Oettinger

          F.A.Z. exklusiv : Oettinger will an die VDA-Spitze

          Wer wird den wichtigen Verband der Automobilindustrie künftig anführen? Nachdem Sigmar Gabriel aus dem Rennen ist, läuft derzeit ein Zweikampf. Beide Kandidaten gehören der CDU an.
          Baukräne stehen auf einem Baugrundstück neben neugebauten Wohnhäusern in Köln.

          Pläne der KfW : Wer baut, bekommt Geld geschenkt

          Die Staatsbank will erstmals Kredite mit Negativzinsen vergeben. Profitieren sollen Privatleute, Mittelstand und Kommunen. Bis die Negativzinsen beim Endkunden ankommen, könnte es allerdings noch dauern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.